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Zwiespältige Eindrücke

Wagner: Tannhäuser

(Graz, 27.09.2008). Zur musikalischen Umsetzung von Richard Wagners großer romantischer Oper Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg kann man der Grazer Oper nur gratulieren, da wurde zweifelsfrei internationales Format erreicht: Unter der inspirierenden und auf weite Strecken eher zu breiten Tempi neigenden Leitung von Dirk Kaftan, der es jedoch keinen Moment an innerer Spannung fehlen ließ, lief das Grazer Philharmonische Orchester zu einer wahren Glanzleistung auf. Unüberhörbares Engagement, sauberste Einsätze, nie zu lautes Blech, in keinem Moment übertönte SängerInnen und transparenter Klang kennzeichnen diese grandiose Leistung. Gleiches gilt auch für den aus Bratislava verstärkten Chor und Extrachor der Grazer Oper unter seinem neuen Leiter Bernhard Schneider, der somit einen glänzenden Einstand feiern konnte.
Auch die Besetzungsliste wies ausschließlich Haus- bzw. RollendebütantInnen auf. Als kleine Sensation zu werten sind die Engagements von Ricarda Merbeth als Elisabeth und von John Treleaven als Titelheld, die ihre Partien an allen großen Häusern dieser Welt verkörpern und auch in Graz ihre Qualitäten voll ausspielen konnten. Ricarda Merbeths warm timbrierter jugendlich-dramatischer und in allen Lagen strahlender Sopran bewältigt mühelos alle Anforderungen der Partie und führt souverän gemeinsam mit John Treleaven das heikle und auch von Dirk Kaftan wunderbar strukturierte Finale des zweiten Aktes an, besonders berührend das Gebet im dritten. Treleavens echter Heldentenor, d. h. baritonale Tiefe und schon hellere Mittellage bis hin zu leicht erreichten Spitzentönen, verfügt über große Nuancierungsfähigkeit, Durchschlagskraft und Reserven, welche die Romerzählung zu einem der Höhepunkte der Aufführung werden lassen. Albert Pesendorfer als Landgraf Hermann gestaltet seine Partie mit wunderschön orgelndem und ebenmäßigem Bass. Nach den Haus- nun zu den RollendebütantInnen: Bevor sie die Elisabeth übernehmen wird, ist Christiane Libor noch eine hervorragende Venus mit sinnlichem Timbre und strahlenden Hochtönen. Ashley Holland gibt mit markigem Bariton einen eindrucksvollen Wolfram von Eschenbach, dem es jedoch streckenweise an der nötigen Eleganz im Gesang fehlt. Mit dem Walther von der Vogelweide hat Marlin Miller eine weitere Glanzpartie gefunden; ergänzt wird die Schar der Minnesänger mehr als adäquat von David McShane, Martin Fournier und Wilfried Zelenka. Ein quirliger und intonationsreiner Hirt ist Hyon Lee.

Leider ist es um die szenische Umsetzung durch Philipp Himmelmann und sein Team gar nicht so gut bestellt. Elisabeth Pedross’ Einheitsbühnenbild besteht aus einem Metallgestell und Plastikgestühl, wie es in einer Sporthalle anzutreffen ist; so unsinnlich und unerotisch hat man den Venusberg wohl kaum noch erlebt, Tannhäuser watet knöcheltief im Wasser, und Venus wühlt in Papier, sind es die Liebesbriefe, die sie bekommt, sind es Tannhäusers verworfene Entwürfe... Der Hirt spielt ziemlich unsanft mit einem Stoffschaf, die Jagdgesellschaft tritt als golfspielende Dandies auf (Kostüme Petra Bongard); im zweiten Akt wird statt des Einzugs der Festgäste eine junge Frau, die Lust verspürt hat, genüsslich ausgepeitscht, getreten und bespuckt, und das, obwohl die sich nur wenig später für Tannhäuser einsetzende Elisabeth bereits auf der Bühne ist, warum geht sie nicht dazwischen? Die Minnesänger treten, bis auf Wolfram, in an Ritterklamaukfilme gemahnenden Kostümen auf. Was uns jedoch gefallen hat, ist der Schluss des zweiten Aktes, Tannhäuser ist weg und das Wettsingen beginnt von Neuem, als ob nichts geschehen, der Skandal wird einfach unter den Tisch gekehrt.
Ebenfalls beeindruckend im dritten Akt die Sterbeszene der Elisabeth und die Vermischung der Welt und des Venusberges, fragwürdig hingegen der Auftritt des Papstes himself bei der Erlösung Tannhäusers und die Welle der Nonnen. Wie zu erwarten heftige Buhs für das Leading Team, ungeteilte Zustimmung zur musikalischen Realisierung.

Text: Wolfgang Würdinger




Kommentare

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    03.10.2008, 02:44 - JJ

    Sehr treffend, wenn auch angesichts der Peinlichkeiten des Librettos eine wirklich überzeugende Regie schwer vorstellbar bleibt.



Linktipp:

buehnen-graz.com