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Opernhaus Graz:

Puccini: La Bohème

 

Tenorale Entdeckung
von Wolfgang Würdinger

(Graz, 15.11.2008). Dominiert wurde die Besetzung der samstäglichen Premiere von Arturo Chacon-Cruz, der mit dem von ihm schon in diversen Produktionen verkörperten Rodolfo sein Hausdebüt an der Grazer Oper beging: Der junge mexikanische Tenor sieht nicht nur gut aus, er bewegt sich auch ganz natürlich auf der Bühne und spielt engagiert und charismatisch, dazu kommt eine solare, gleichmäßig durchgebildete Tenorstimme, die sich scheinbar mühelos und strahlend bis zum hohen C emporschwingt; was allerdings spätestens im dritten Bild im Duett mit Marcello auffällt, ist eine gewisse Eindimensionalität des Singens, man hatte den Eindruck, er konzentriere sich mehr auf das Produzieren von schönen Tönen als auf echten Ausdruck, auch mangelt es stellenweise an der Fähigkeit, zu modulieren und den Tönen Farbe zu geben sowie an der Pianokultur (Quartett). Wenn er zu den ganz Großen gehören möchte, hat er hieran sicher noch zu arbeiten, nichtsdestotrotz eine beeindruckende Gesamtleistung, die vom das Opernhaus bis auf den letzten Platz füllenden Publikum stürmisch gefeiert wurde.
Ebenfalls auf hohem Niveau die weiteren drei Bohemiens: der zweite Hausdebütant Carlo Kang als Marcello mit eher hell timbriertem, aber dennoch kernigen und volltönendem Bariton; der darstellerisch und musikalisch die eher undankbare Rolle des Schaunard stark aufwertende Ivan Oreščanin, sowie Wilfried Zelinka als besonders ausdrucksvoller Colline.
Als Musetta konnte Margareta Klobučar ihr schauspielerisches Talent voll ausleben, stimmlich gab sie sich wollüstig-sinnlich im zweiten, streitsüchtig und rollengemäß schrill im dritten und menschlich berührend im vierten Bild.
Als einziger Schwachpunkt der Besetzung zu betrachten ist die Mimi von Adriana Damato. Darstellerisch mag man ihr die kleine schwindsüchtige Näherin ja wohl noch abnehmen, stimmlich jedoch nicht mehr: Die Stimme ist bereits zu schwer für diese Rolle geworden, dazu kommen eine nicht sehr tragfähige Mittellage und eher scharfe und tremolierende Hochtöne, nur selten setzt sie Piano und mezza di voce ein, nur selten blühen die puccinischen Kantilenen wirklich schön und innig auf.
Alberto Hold-Garrido hielt mit seinem engagierten und sängerfreundlichem Dirigat das Grazer Philharmonische Orchester zu präzisem, transparentem, temperamentvollem und unsentimentalem Spiel an; dass es manchmal vor allem beim Blech an Lautstärke zu viel war, mag auch an unserem Platz gelegen sein (9. Reihe rechts).

Die Inszenierung in der Ausstattung von Annette Zepperitz und Bernd-Dieter Müller des – und es kann nicht oft genug gesagt werden – viel zu früh verstorbenen Dietmar Pflegerl wurde ganz in dessen Geiste von Michael Eybl umgesetzt, d. h. präziseste Personenführung ganz nah an Text und Musik, herrlich gelingt der Konversationston im ersten Bild, nicht überzeichnet und doch komisch der Auftritt des Hausherrn Benoît (David McShane), berührend, wie sich Mimi und Rodolfo ineinander verlieben, pompös (Chor und Extrachor sind aufgeboten)und dennoch unglaublich detailverliebt das zweite Bild vor dem auf zwei Ebenen aufgebauten und spontan beklatschten Café Momus, Marcello und Musetta umkreisen einander wie zwei Raubkatzen, bevor sie wieder zueinander finden. Fein durchstrukturiert auch das dritte Bild, wo Marcello einmal nicht zum Stichwortbringer für Mimi und Rodolfo degradiert wird, höchst gelungen auch das vierte mit den Stimmungsumschwüngen, zuerst Marcello und Rodolfo, die ihren trüben Gedanken nachhängen, dann wiederum die – wenn auch etwas erzwungene – Situationskomik, und dann die Wende zum tragischen Finale, endlich einmal steht Mimis Sterbebett nicht in der Mitte der Bühne, wo sozusagen ein öffentlicher Tod zelebriert wird, sondern ganz an der Seite, und Mimi kann im Sinne von Text und Musik ruhig entschlafen.
Großer Schlussjubel, eine hörens- und sehenswerte Produktion also, die man nicht versäumen sollte.

Text: Wolfgang Würdinger

Uneingeschränkte Empfehlung
von Michael Langer

(Graz, 15.11.2008). Es ist Heiliger Abend in Paris, die Freunde Rodolfo, Marcello  und Colline sitzen und frieren in ihrer Wohnung bis ihr Mitbewohner Schaunard, welcher gerade etwas Geld verdient hat, mit Essen und Feuerholz hereinkommt. Die Vier beschließen, im Café Momus zu feiern. Rodolfo möchte noch kurz einen Artikel beenden, die anderen brechen auf. Gerade setzt Rodolfo sich an seinen Schreibtisch, da klopft es am Fenster und Mimí, die leicht verwirrte Stickerin von nebenan, bittet um Licht für ihre Kerze. Er zündet ihre Kerze an, doch Mimí bricht zusammen, verliert ihren Schlüssel und verliebt sich binnen fünf Minuten in Rodolfo.
Schließlich folgen die beiden doch Rodolfos Freunden ins Café, wo sie unter anderem auch auf Marcellos frühere Geliebte Musette und ihren neuen Liebhaber und Geldgeber Alcindoro treffen. Musette verliebt sich doch wieder in Marcello, hängt Alcindoro die Rechnung der Studenten an und entflieht mit ihnen.
Mehrere Monate vergehen, Mimì leidet unter Marcellos Eifersucht, während er immer mehr um das Leben der schwerkranken Stickerin bangt. Schließlich beschließen die beiden, sich im Frühling zu trennen.
Nach dieser Trennung hat Mimì einen reichen Liebhaber gefunden. Rodolfo und Marcello trauern immer noch Mimì und Musetta hinterher. Schaunard und Colline kommen herein, bringen Essen mit und die vier Freunde feiern ausgelassen bis Musetta und die sterbende Mimì hereinkommen. Um sich zu wärmen wünscht sich Mimì einen Muff, für welchen Musetta ihren Schmuck und Colline seinen Mantel opfert. Doch auch warme Hände retten Mimìs Leben nicht und sie stirbt.

Dietmar Pflegers Inszenierung – in Graz einstudiert von Michael Eybl – ist eine höchst adäquate Umsetzung von Puccinis populärem Werk. Gemeinsam mit dem ebenfalls behutsam und ohne Schnörkel modernisierten Bühnenbild und den Kostümen (beides: Bernd-Dieter Müller und Annette Zepperitz) ergibt sich ein kohärentes Ganzes ohne jegliche Störfaktoren. Es sei noch angemerkt, dass es bei der Bewertung des Bühnenbilds zu einem Dissens zwischen dem Rezensenten und seiner charmanten Begleitung kam: Während dieser die Ästhetik der klaren Linien und das Lichtspiel sehr schätzte, bemängelte jener einen etwas unterkühlten Gesamteindruck der nur im zweiten Bild durchbrochen werde.

Einigkeit herrscht hingegen, was die musikalische Ausarbeitung von Dirigent Alberto Hold-Garrido anbelangt: Feinfühlig und voller Charme scheitert sie nur am Unvermögen des Orchesters, zwischendurch auch einmal weniger laut als im forte zu spielen. Der Chor, der ebenfalls wunderschön musizierte, konnte mit dieser Laustärke noch gut mithalten, die Solisten waren zeitweise schwer zu hören und der Kinderchor konnte sich nur mehr ins lautstarke Schreien flüchten, um nicht ganz unterzugehen.

Arturo Chacón-Cruz als Rodolfo ist klar der Star der Inszenierung. Seine fantastisch weiche Stimme ist ein wahrer Genuss. Ihm zur Seite Adriana Damato als Mimì ist in manchen Passagen leider etwas schrill. Margareta Klobučars Musetta hingegen ist bezaubernd und so reizend kokett gesungen und gespielt, dass das Publikum ihr zu Füßen liegt. Carlo Klang und Ivan Oreščanin verblassen neben den anderen Hauptakteuren ein wenig. Wilfried Zelinka rundet das Männerquartett als Colline wunderbar ab.

Eine uneingeschränkte Empfehlung von meiner Seite für diese gelungene Produktion!

Text:

 




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