Prinzessin Eisenherz
Stehender Applaus für Milli Deutsch
(20.3.2009 | Schauspielhaus Graz | Hauptbühne | Uraufführung).
Vor restlos ausverkauftem Haus – Parkett und Ränge mit Grazer Prominenz bis zum Landeshautmann vollgepackt – entfaltet sich vor den Augen der sichtlich ergriffenen Zuschauer ein mitreißendes Drama steirischer Zeitgeschichte. Die Ereignisse, um die Franzobel das Theaterstück „Prinzessin Eisenherz“ schrieb, sind authentisch:
Milli Deutsch ist Anfang 20, schwanger und lebt in Eisenerz, wo 9 Monate im Jahr Winter herrscht und es in den restlichen drei Monaten kalt ist. Ihr Mann ist an der Front – man schreibt das Jahr 1944. Die Schwiegereltern sind 1000-prozentige Nazis, ihr Schwiegervater Wenzel will mit „Adolf“ angeredet werden. Plötzlich steht Mitzi, eine ehemalige Schulkollegin, vor Millis Tür und bittet um Unterschlupf. Sie ist Mitglied der ÖFF, der Österreichischen Freiheitsfront, und wird von der Gestapo gesucht. Milli überlegt nur kurz und entscheidet sich trotz Lebensgefahr für sich und ihr ungeborenes Kind, das Richtige zu tun. Sie versteckt Mitzi – und in der Folge auch deren freiheitskämpfende Kollegen Lipp und Titsch in der Wohnung, in der die ahnungslosen Schwiegereltern aus und ein gehen. Als dann noch unangemeldet die hochschwangere Kuppi, eine linientreue Bekannte aus Berlin, an der Tür klingelt und um Asyl bittet, droht die Lage endgültig aus dem Ruder zu laufen. Wenn nur das Geringste nach außen dringt, droht allen die Hinrichtung. Lipp und Titsch haben nämlich kurz zuvor in Leoben einen Zug mit Munitionsnachschub gesprengt und sowohl Gestapo als auch SS suchen verbissen nach den Attentätern. Dann setzen bei Kuppi die Wehen ein, aber der Weg aus der Wohnung ist durch spielende Kinder und Handwerker versperrt. Aber schon naht die Hebamme - wo sollen sich die drei Gesuchten nur verstecken?
Die Umsetzung der Geschichte fesselt vom beklemmenden Anfang bis zum tragischen Schluss. Hervorzuheben sind zuallererst die glänzenden schauspielerischen Leistungen des gesamten Ensembles, welches die Zerrissenheit aller agierenden Figuren herauszuarbeiten vermag: Milli (Verena Lechner), die zwischen Verantwortung für ihr Kind, Selbstschutz und Mitgefühl wankt und zuerst der Freundin hilft, dann aber von denen, die sie unter Lebensgefahr versteckt, unter Druck gesetzt wird; Lipp (Gerhard Liebmann) und Titsch (Alexander Rossi), die sämtliche soziale Kontakte verloren haben und nun eine Freundin einschüchtern müssen, um bleiben und überleben zu dürfen; Mitzi (Susanne Weber), die ebenfalls als Ausgestoßene leben muss und dem nationalsozialistischen Unrechtsstaat fast ohnmächtig gegenübersteht; sowie Wenzel (Sebastian Reiß) und Ernestine (Seraphine Rastl), Millis Schwiegereltern, die Juden hassen, obwohl sie keinen einzigen kennen und ihren Naziidealen den Sohn opfern müssen.
Einzig die Figur des Ortsgruppenleiters (Thomas Frank), der auch die streng hitlergläubige Hebamme gibt, vermag in ihrer Authentizität nicht mit den anderen mitzuhalten. Das liegt aber an der Dramaturgie, welche die Rolle des ewig selbstmitleidig jammernden Präfekten der Geschichte aufpfropfte. Auch eine cross-gedresste Hebamme passt nicht in den sonst sehr lebensnah umgesetzten Plot und degradiert die Handlung phasenweise zur slapstickhaften Groteske.
Im Gegensatz zur hautnahen Umsetzung der Figuren beschränkt sich das Bühnenbild (Stefan Brandtmayr) auf die zur Verfügungstellung von Dioramen, welche Stadt und Wohnung symbolisieren; manchmal mimen auch die Schauspieler selbst Requisiten – auch die Explosion der feuerschnaubenden Dampflok findet eine schemenhafte, aber trotzdem beeindruckende Darstellung.
Passend zum fragmentarischen Bühnenbild ist auch die Handlung zwar chronologisch geordnet, besteht aber aus einer Folge von Szenen, die sich nicht nahtlos aneinander reihen. Ab und zu unterbricht eine Videoprojektion den Handlungsstrang – Milli Deutsch erzählt im Abstand von mehr als 6 Jahrzehnten das damals Erlebte. Mir hat diese Auflösung sehr gut gefallen, da dem Zuseher Raum für eigene Gedanken bleibt. Lediglich auf den seltsamen Schlussmonolog des Schwiegervaters, der nach Kriegsende ein privates Konzentrationslager zu eröffnen gedenkt, hätte ich getrost verzichten können.
Den Umstand, dass die handelnden Figuren zeitweise in die Rolle von Nachrichtensprechern schlüpfen, welche die Handlung kommentieren, habe ich wohlwollend aufgenommen. So erfährt man wichtige Details zur Antriebslage, den Geschehnissen außerhalb der Wohnung und zum Lebensweg der Charaktere nachdem die Handlung des Stückes endet. Denn eines sollte man nicht vergessen: Diese Geschichte hört nicht an jenem Punkt auf, wo der Autor den Stift weglegte. Sie ist gelebte Zeitgeschichte und geht weiter – bis jetzt.
So bekam beim Schlussvorhang auch die in der ersten Reihe anwesende Milli Deutsch, heute 88-jährig, stehenden Applaus. Dieser beinhaltete sicherlich auch Anerkennung für die von der Geschichtsschreibung schmählich vernachlässigten Widerstandskämpfer. Nach dem Krieg verstand es Österreich sehr gut, sich als erstes Opfer des Nationalsozialismus zu präsentieren. Die eigene Schuld rutschte da schnell und praktisch unter den Tisch – genauso wie die Feuergefechte des Widerstandes, die gesprengten Züge und die vielen Hingerichteten. Unsere Geschichtsbücher finden für sie nur wenig Platz.
Dieses Stück setzt dem Vergessen einen sehenswerten Brocken entgegen!
Regie: Georg Schmiedleitner
Kostüme: Cornelia Kraske
Musik: Philipp Ludwig Stangl
Video: Kata Buschek / RAM
Dramaturgie: Regina Guhl, Elisabeth Tropper
Folgevorstellungen: 25. und 26. 3. sowie 1., 3., 4., und 14.4.2009, weitere Vorstellungen nach Vorankündigung
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