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Lehárfes­ti­val Bad Ischl

Franz Lehár: Das Land des Lächelns

Liebe scheitert, Lehár siegt: Begeisterungsstürme für „Das Land des Lächelns“

Diese Gast-Kritik wurde uns freundlicherweise von Kai-Uwe Garrels zur Verfügung gestellt.

(Bad Ischl, 18.07.2009). Selten ist eine Premiere des Lehár Festivals Bad Ischl so stürmisch bejubelt worden wie am vergangenen Samstag „Das Land des Lächelns“. Mit minutenlangen Beifallsstürmen und Füßestampfen feierte das Publikum das von Intendant Dr. Michael Lakner ideal zusammgestellte Ensemble in der Inszenierung von Regisseur Leonard C. Prinsloo.

Star des Abends war der junge Tenor Vincent Schirrmacher. Seine mühelose Höhe erlaubt ihm den verschwenderischen Umgang mit den Spitzentönen, die er gut fokussiert, aber nie forciert setzte. Auch seine baritonal gefärbte Mittellage trägt zu seinem so angenehmen wie faszinierenden Timbre bei. Nach dem bereits mit Hingabe interpretierten Auftrittslied „Immer nur lächeln“ gebot Schirrmacher über anscheinend unerschöpfliche stimmliche Reserven, um in „Von Apfelblüten einen Kranz“ und vor allem „Dein ist mein ganzes Herz“ weitere dramatische Steigerung zu erzielen. Das Publikum reagierte mit vielfachen „Bravo“-Rufen auf den chinesischen Prinzen, dessen Liebe zur europäischen Grafentochter an den Gesetzen und Konventionen des asiatischen Hofes zerbrechen muss.

Seine Lisa und geniale Partnerin war Miriam Portmann. Ihr schauspielerischer Tiefgang machte den Wandel der jungen Adeligen aus der dekadenten Wiener Gesellschaft über die naiv-fasziniert Liebende bis zur tief verletzten, enttäuschten Prinzgemahlin nachfühlbar. Wieder einmal war es ihr intelligent geführter hochdramatischer Sopran, der das Publikum an den Wendepunkten der Handlung mitriss. Beide Sänger verfügen nicht nur über die sängerischen, sondern auch musikalischen Grundlagen, in den Duetten ihre einzeln kraftvollen Stimmen in edler Harmonie zu verbinden.

Mit seinen Duetten nahm auch das zweite tragisch verliebte Paar das Publikum für sich ein: Thomas Zisterer als Dragonerleutnant Gustl spielte erfrischend geradlinig – nur so konnte seine Mission in China Aussicht auf Erfolg haben. Dabei brachte er seinen vornehmen lyrischen Bariton zu angemessener Geltung. Elisabeth Schwarz gestaltete die chinesische Prinzessin Mi stimmlich und schauspielerisch liebenswert, wobei sie gerade mit den eingefügten Koloraturen ihr weiteres Potenzial deutlich machte. Ihre quirlige Interpretation des Tanzliedes „Im Salon zur blau‘n Pagode“  brachte ihr verdienten Sonderapplaus.

Als Hüter der chinesischen Tradition stand Tomaz Kovacic als Onkel und Minister Tschang zwar für das Böse – aber wie er darstellerisch zwischen Hinterlist und offener Feindschaft schillerte, wie sein beweglicher Bass dies auch akustisch verdeutlichte: das ließ ihn eindeutig zu den „Guten“ dieses Abends zählen. International hatte Erik Göller die Lacher auf seiner Seite: als alter Diener im Wiener gräflichen Haushalt ebenso wie als „Haustier“ und Ober-Eunuch im chinesischen Palast. Was ihm dort an Männlichkeit fehlte, machte er an Humor und Spielfreude mehr als wett. Auch Gerhard Balluch war doppelt präsent: Als Lisas verständnisvoll-hellsichtiger Vater Graf von Lichtenfels stellte er wie als Konfuzius-Nachfolger und Hohepriester unter Beweis, dass zur Weisheit aus dem Textbuch eben auch der versierte Charakterschauspieler gehört.

Regisseur Leonard C. Prinsloo setzte „Das Land des Lächelns“ so in Szene, wie man es bei auch nur marginaler Kenntnis der Nachrichtenlage erwartet. Eine kurze Ballettsequenz deutete an, was Wirtschaft und Politik oft nicht aussprechen mögen: Die Welt verdankt China nicht nur Papier, Schießpulver und eine militärisch perfekte Inszenierung der Olympischen Spiele in Peking 2008. Die Holzgewehre machten deutlich: Die Militärdiktatur sollte eben nicht in der Operette der „Aufreger“ sein, sondern in der Realität. Schon der Originaltext von 1929 ging in diese Richtung, denn „so grausam, wie nur China ist“, darf es dann auch auf der Bühne sein.

Romantik und Exotik kamen dabei nicht zu kurz. Neben den gelben Uniformjacken der chinesischen Volksgenossen locken fantasievoll-verspielte Mandschu-Bräute, die an den „Kuss der Spinnenfrau“ erinnern. Monika Bieglers Kostüme treffen die Wiener Gesellschaft der Jahrhundertwende ebenso pittoresk wie die politische Allegorie der „Gelben Jacke“. Die höchste Auszeichnung für den neuen Ministerpräsidenten Prinz Sou-Chong ist ihm nicht nur physisch zu groß. Die Länge der Ärmel erinnerte an eine Zwangsjacke – die sein Amt ihm ist. Wenn es darauf ankam, legte das Bühnenbild von Friedrich Despalmes in seiner frappierenden Verwandelbarkeit die 8.000 Kilometer von Wien nach China in gut acht Takten zurück. Trotz der brillanten Reduktion auf das Wesentliche, die wie so oft mehr Kreativität als die opulenteste Ausstattung verlangte, fand auch der Mond über Peking seinen angemessenen Platz.

Der stimmsichere Chor des Lehár Festivals unter Leitung von Martin August Fuchsberger stellte die Wiener Individuen genauso eindrucksvoll auf die Bühne wie die asiatische Masse. Jede Bewegung auf der Szene zeigte: „Chor“ kommt, allzumal in Bad Ischl, von „Choreographie“.  Dirigent Vinzenz Praxmarer ließ es nicht dabei bewenden, das Franz Lehár-Orchester mit einzigartiger Musikalität zu sinfonischer Höchstleistung zwischen Operetten-Schmelz und Schostakowitsch-Moderne zu führen. Sein Studium von Lehárs Original-Autographen für „Das Land des Lächelns“ förderte mehrere Ergänzungen der bekannten Partitur zutage. Die Chor-Einwürfe in Sou-Chongs „Apfelblüten“ und die Koloraturen in „Zig, zig, zig“ waren zwar vom Meister gewollt, brauchten aber 80 Jahre bis zur „Premiere“.

Noch so lange nach ihrer Entstehung 1929 ist die romantische Operette untrennbar mit dem Tenor der Berliner Uraufführung und Lehár-Freund Richard Tauber verknüpft – eine musikalische Herausforderung, der die zweite Premiere des Lehár Festivals Bad Ischl und insbesondere ihr Prinz Sou-Chong locker standhielten. Das Publikum gab sich mit einem Lächeln nicht zufrieden: Dieses „Land des Lächelns“ verwandelte das Kongress und TheaterHaus in eine Arena des Beifalls.

Text: Kai-Uwe Garrels




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Fotos: Foto Hofer, Bad Ischl


Linktipp:

www.leharfestival.at