Opernhaus Graz
Verdi: La Traviata
Mediokres Spektakel
(Graz, 22.1.2011). Das Hauptproblem an der neuesten Produktion von Verdis unverwüstlicher Traviata, die laut Intendantin wegen des Regisseurs in Kombination mit der Darstellerin der Titelrolle nach relativ kurzem Abstand zur letzten Aufführungsserie wieder ins Programm genommen wurde, stellt für uns die Besetzung der ProtagonistInnen dar: In Zeiten, in denen von den SängerInnen immer öfter ein zur Rolle passendes Erscheinungsbild gefordert wird, ist es wohl auch legitim, in einer italienischen Oper italienisch geschulte Stimmen zu erwarten, wenn dies bei zwei von drei der Hauptdarsteller nicht der Fall ist, wird die Sache für uns bedenklich, umso mehr, als der einzige italienische und somit auch in der Tradition geschulte Sänger, in unserem Fall Giuseppe Varano als Alfredo, zwar eine hübsche lyrische Tenorstimme vorzuweisen hat, aber leider auch eine ordentliche Tendenz, zu tief zu singen, und speziell in der oberen Mittellage recht oft gequetschte Töne zu produzieren, da rettet auch ein bombensicheres hohes C am Ende seiner Cabaletta, von der er zumindest eine Strophe singen darf, nicht mehr viel. Natürlich ist Marlis Peterson eine grandiose Singschauspielerin mit einer wunderschönen lyrischen Sopranstimme, aber schon bei den ersten Phrasen ist eine mangelnde Affinität zum Gesang italienischen Stils nicht zu überhören, zu instrumental wird die Stimme über weite Strecken geführt (es ist Verdi und nicht Richard Strauss), vieles wirkt zu kalkuliert und aufgesetzt (v. a. im Duett mit Germont), an manch dramatischer Stelle wird die Stimme recht scharf und flüchtet sich die Sängerin sogar in einen Schrei, der Verismo ist jedoch noch weit weg, dazu kommt leider eine oft unidiomatische Aussprache, vor allem die vielen aspirierten Konsonanten sind recht störend. Noch stärker tritt das Ausspracheproblem bei James Rutherford zu Tage, dem die Partie des Vater Germont über weite Strecken hörbar zu hoch liegt, weswegen er häufig in der Nasalität Zuflucht sucht, und ist auch seine Cabaletta am Ende des zweiten Bildes gestrichen. Die kleinen und kleinsten Rollen sind bei den bewährten Kräften des hauseigenen Ensembles in besten Händen. Nicht ganz gleichmäßig auch die Leistung des Grazer Philharmonischen Orchesters unter Tecwyn Evans, teilweise wird berückend schön gespielt (z. b. Vorspiele zum 1. und 4. Bild) und begleitet (z. B. Duett Violetta – Germont im zweiten Bild), manchmal aber auch ziemlich genudelt (z. B. Finale des dritten Bildes).
Regisseur Peter Konwitschny konzentriert sich ganz auf die vom rechten Weg Abgekommene, von Anfang an wird klar, dass Violetta nicht zur Spaß- und Vergnügungsgesellschaft des ausgehenden 20. Jahrhunderts, in welche Zeit er die Handlung verlegt, gehören kann. Mit der ihm eigenen Konsequenz verfolgt er diese Idee, mit dem furchtbar einsamen Tod der Titelheldin gelingt ihm ein ganz starker Moment, diese Todesszene macht wirklich betroffen, nur bis es soweit war, kam zwischendurch bei uns immer wieder Langeweile auf, da man vieles in sehr ähnlicher Form von ihm bereits nicht nur einmal gesehen hat. Ob sich Violetta wirklich in den weltfremden Bücherwurm, als der uns Alfredo präsentiert wird, verliebt hätte, sei dahingestellt. Und ob sich ein aus sehr gutem Hause stammender junger Mann in der Strickjacke auf eine elegante, wenn sich auch rasch als dekadent herausstellende Abendgesellschaft begeben hätte, sei ebenfalls dahingestellt. Besonders bedenklich erscheinen uns die vom Regisseur gewünschten musikalischen Kürzungen, die aus seiner Sicht, sprich der Konzentration auf das Leiden und Sterben der Titelheldin, plausibel sein mögen, nur stammt die Oper von Giuseppe Verdi und wurde eines ganz wichtigen Elements dessen dramaturgischen Verständnisses beraubt, nämlich des Zurücknehmens nach aufgeheizter Dramatik und des erneuten Aufbaus von Spannung: Nach der Vater-Sohn Auseinandersetzung zu Schluss des zweiten Bildes wird zu Beginn des dritten mit dem fröhlichen Treiben und der Tanzeinlage eben Spannung herausgenommen, umso drastischer dazu der Kontrast des Streites Alfredo-Violetta, der in deren öffentlicher Demütigung endet. Und im vierten Bild macht das Largo al quadrupede nach dem spannungsgeladenen Addio del passato und vor der Rückkehr Alfredos ja auch Sinn, Leben und Tod liegen immer knapp nebeneinander, und hat Verdi aus diesem dramaturgischen Kniff ja dann mit Oscar im Maskenball und Frau Melitone in der Forza del destino sogar zwei Opernfiguren gemacht, die in diesem Sinne agieren. Für uns ist die Streichung der beiden o. e. Szenen daher als äußerst fragwürdig anzusehen, da Wichtiges fehlt. Als äußerst sängerunfreundlich empfinden wir auch das Weglassen jeglicher Pause, Konwitschny sagte bekannterweise sinngemäß in einem Interview, es käme ihm angesichts der sterbenden Violetta pietätlos vor, wenn das Publikum in einer etwaigen Pause Sekt schlürfe, wir erinnern uns an eine Bohème mit Pause, und bei Mimi wird ebenso wie bei Violetta ganz schnell klar, dass sie sterbenskrank ist, ein Fall für die Gleichbehandlungskommission?
Folgevorstellungen:
2., 5., 11. und 18. Februar
3., 6., 11. und 26. März
5., 18. und 27. Mai
Text: Wolfgang Würdinger




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