Opernhaus Graz
Bellini: La sonnambula
Vergrazte Kasperliade
(Graz, 29.5.2010). Wer sich letzten Samstag in der Erwartung, eine radikale Neudeutung von Vincenzo Bellinis Meisterwerk zu erleben, ins Grazer Opernhaus begab, wurde bestimmt nicht enttäuscht, ob diese auch legitim ist, sei dahingestellt, jedenfalls wurde das Leading Team Tobias Kratzer (Regie) und Rainer Sellmaier (Bühnenbild und Kostüme) mit heftigsten Missfallenskundgebungen bedacht.
Statt des Schweizer Bergdorfes sehen wir zu Beginn einen zum Ballettsaal umfunktionierten Wirtshaussaal des Graz in der Nachkriegszeit mit dem Motto Jeder tut mit, Jeder denkt nach, Jeder meldet. Die Methode Holzhammer schlägt also schon zu Beginn kräftig zu, Ballettsaal wohl deshalb, weil Eugène Scribe noch vor Felice Romani und Bellini den Stoff für ein Ballett einrichtete, und das Nazimotto wohl wegen der Stadt der Volkserhebung. Aber der Krieg ist ja vorbei, und so darf der Bundesadler als interessierter Beobachter und gestischer Kommentator der Handlung nicht fehlen, gegen Schluss wird er auch noch ordentlich zerzaust werden. Die Titelheldin Amina wird uns zunächst als weiblicher Kaspar Hauser vorgestellt, und hier beginnt es schon zu klemmen, denn sie hat von teneri amici – lieben Freunden zu singen, wagt aber kaum, diesen ins Gesicht zu sehen, bzw. die Hand zu reichen. Elvino sollte ein durchaus selbstbewusster Großgrundbesitzer sein, wird aber als dummer, verliebter Bub in der Krachledernen gezeigt, der sich ob der vermeintlichen Untreue seiner Amina mit Puntigamer Bier niederkübelt, und Conte Rodolfo schließlich ist Siegmund Freud wie aus dem Gesicht geschnitten, das p. t. Publikum soll ja nicht vergessen, dass hier (pseudo)psychologisiert wird, dass es nur so eine Freud’ ist. Natürlich ist es legitim, das Stück nicht zu verharmlosen, sondern die inneren und äußeren Konflikte aufzuzeigen, nur ist das Ganze viel zu verspielt und überfrachtet, besonders im zweiten Akt, wenn tout l’Autriche von Christina Stürmer und Hansi Hinterseer über Schneckerl Prohaska und Niki Lauda, Clown Enrico und sogar Petzibär bis hin zu Maria Theresia mit ihrem Mohren aufzutreten hat, und das Liebespaar als Franz Joseph und Sisi Versöhnung feiert, nachdem sich die Widersacherin Lisa, da sie Elvino endgültig verloren, erschossen hat, worüber Amina im Freudentaumel ihre finale Stretta singen kann und dabei gleich halb Graz anzündet. Und so stellt sich nochmals die Frage, warum Graz? Denn in der Partitur steht anderes, nämlich viele frühe Anklänge an Naturschilderungen, somit wäre ein weniger urbaner Schauplatz wohl passender gewesen, und hat auch Marco Arturo Marelli bei seiner Wiener Inszenierung zwar ein Hotel, aber wenigstens in den Bergen gewählt.
Der Chor der Oper Graz (auch die Männer im Ballettröckchen – hatten wir ja noch nie …) hat hier für eine Oper des ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ungewöhnlich viel zu tun und erfüllte seine Aufgabe vorzüglich, dass es manchmal – auch im Orchester selbst – wackelte, liegt wohl eher an der Dirigentin Ariane Matiakh, die Bellini über weite Strecken hörbar nicht im Griff hat, was die Tempowahl – vieles wurde über Gebühr zerdehnt, von Auskosten kann nicht mehr gesprochen werden – wie auch die Dynamik betrifft, viel zu starke Betonung vor allem des Holzes. Auch deckte sie im zugegebenermaßen akustisch nicht sängerfreundlichen Bühnenbild des ersten Aktes die Protagonisten viel zu oft zu. Anna Siminska ist zwar eine optisch ideale Amina mit einem hübschen und sicher geführten Koloratursopran, an den gerade bei Bellini geforderten Farben und Nuancen fehlt es aber, und so wirkt ihr Gesang ziemlich eindimensional. Wie schon viele andere sogenannte Nebenrollen wertet Hyon Lee die Lisa sehr auf, und ist es daher nicht verwunderlich, dass sie auch als Amina angesetzt ist. Als Conte Rodolfo verströmt Luca Dall’Amico rollendeckenden Basswohlklang, der Elvino wird vom jungen australischen Tenor Paul O’Neill gegeben: Sein Timbre und die strahlenden Höhen erinnern oft an Luciano Pavarotti, aber in der Mittellage rutscht die Stimme gern nach hinten, klingt stumpf, und die Verzierungen gelingen nicht so recht. Hervorragend Dshamilja Kaiser als Teresa, rollendeckend David McShane als Alessio und Juraj Hurny als ob der Hochzeit vor Freude schnadahüpfelnder Notar.
Folgevorstellungen:
2., 4., 6., 9., 11., 13., 17., 19. und 25. Juni
Text: Wolfgang Würdinger





Kommentare
03.06.2010, 02:50 - JJ
Leider reicht die alberne (treffend beschriebene) Regie allenfalls für ein flüchtiges Schmunzeln. Und Männer im Ballettröckchen lassen sich wohl nur mehr als Verspottung "abweichender" sexueller Orientierung auffassen.
Musikalisch fand ich die Vorstellung vom 2.6. überaus erfreulich.