Musical Graz
Brown/Freed: Singin’ in the Rain
Gute Laune garantiert
(Graz, 16.10.2010). Marcel Prawy sagte einmal sinngemäß: Aus den melodischen Einfällen einer einzigen Oper von Giuseppe Verdi würde man heutzutage hundert Musicals machen. Selbst wenn die Songs von Nacio Herb Browns und Arthur Freeds Bühnenadaptierung des gleichnamigen Films, der Anfang der Fünfzigerjahre Gene Kelly zum Weltstar und den Stepptanz weltweit populär machte, von eher ungleichmäßiger Qualität sind, so adelt doch die Grazer Aufführung die Geschichte der beiden Stummfilmstars Don Lockwood und Lina Lamont, die nach der Erfindung des Tonfilms auf einmal auch sprechen und singen können sollen, wobei vor allem letztere kläglich versagt, sich dies aber so gar nicht eingestehen möchte.
Im geschmackvollen und wandlungsfähigen Bühnenbild von Rolf Langenfass, der auch die wunderschön farbenprächtigen und typgerechten Kostüme entworfen hat, lässt Josef Ernst Köpplinger das Geschehen mit ebensoviel Schwung wie Präzision und Liebe zum Detail und vielen Gags ablaufen, wobei er auch über ein exzellentes Team verfügt, für uns allen voran Peter Lesiak als Don Lockwood mit sympathischer Ausstrahlung, angenehmer Stimme und brillanten tänzerischen Fähigkeiten, sowie Benjamin Rufin als sein einfallsreicher und komischer Freund Cosmo Brown, der bereits bei seinem ersten Solo (Make ’em laugh) tänzerisch und gesanglich förmlich explodiert. Die lispelnde und schrillstimmige Lina Lamont wird von Bettina Mönch mit viel Selbstverleugnung- und Ironie dargestellt, zwischendurch blitzt aber immer wieder ihr wahres Können auf. Nadine Zeintl schöpft darstellerisch und gesanglich alle Möglichkeiten der Kathy aus. Mit größtmöglicher Wandlungsfähigkeit präsentiert sich Dagmar Hellberg in gleich vier Rollen, Erwin Windegger und Frank Berg als Produzent und Regisseur sind perfekt besetzt.
In Einklang mit der Regie schuf Ricarda Ludigkeit eine schwungvolle Choreographie, die von den SolistInnen und der Tanzkompanie der Oper Graz mit Elan und Präzision umgesetzt wurde, wobei der Tanztruppe ein besonderes Lob gilt, übernahm sie doch auch sämtliche Aufgabe des Chors.
Unter Jeff Frohners animierender Leitung swingte sich das Grazer Philharmonische Orchester mit großer Spielfreude durch den Abend.
Folgevorstellungen:
20., 21. und 29 Oktober
5., 7., 13., 21., 26. und 28. November
3., 15., 18., 26., 30. und 31. Dezember
Weitere acht Vorstellungen von 2. Jänner bis 24. April 2011
Nachwort:
Bei der Premierenfeier wurde ich von einem unserer Leser sanft gerügt, weil ich speziell bei der Rezension der Frau ohne Schatten mit ihrem so verschlüsselten und vielschichtigen, daher sehr schwierig umzusetzenden Text die Repetition der Übertitel nicht erwähnte; dies sei hiermit nachgeholt, ein großes Dankeschön an Peter Baran, der mit unermüdlichem Einsatz an beinahe jedem Spieltag der Grazer Oper für den reibungslosen Ablauf der Übertitel sorgt, ein tolles Können, das sogar zu Engagements bei den Salzburger Festspielen führte.
Text: Wolfgang Würdinger




Kommentare
29.10.2010, 19:19 - Adrian
Lieber Wolfgang,
Ich glaube nicht, dass ich da etwas missverstanden habe. Mein Kommentar bezog sich auch weniger auf deine Kritik, sondern eher auf das Posting von JJ. Ich weiß natürlich um Prawys Einsatz für das Musical im deutschsprachigen Raum, besonders um seine Übersetzung der West Side Story und Freundschaft zu Bernstein. Ich find es nur falsch immer wieder den angeblichen melodischen Ideenmangel von Musical-Komödien anzukreiden, ohne sich Gedanken darüber zu machen, ob es den musikalischen Ideenreichtum einer ins Repertoir eingegangenen Oper überhaupt braucht. "Singin in the Rain" hat eine Reihe von absoluten "Evergreens" hervorgebracht, nicht zuletzt die wirklich unglaublich simpel gestrickte Titelnummer, die jeder auf der Straße pfeifen kann. Das sagt mir doch nur zu deutlich, dass ein Welthit nicht immer nach musikalischer Komplexität verlangt.
Ich fand nur die Bwertung "alberner Schmarren," die JJ natürlich unbenommen bleibt, für diese witzige, gut gemachte, hervorragend ausgeführte Aufführung, meiner Meinung nach, nicht verdient ist.
29.10.2010, 09:18 - Wolfgang Würdinger
Lieber Adrian, Du scheinst da etwas gründlich missverstanden zu haben, denn erstens hat niemand für die Verbreitung des Genres Musical im deutschsprachigen Raum mehr getan als Marcel Prawy, und zweitens geht es nicht um Hehres oder Höheres, sondern darum, dass es auch so manches Musical mit viel mehr musikalischen Einfällen gibt. Dass es sich bei der Grazer Aufführung um hervorragend gemachte Unterhaltung handelt, hat ja niemand in Zweifel gezogen.
27.10.2010, 09:00 - Adrian
Pawys Worte und die derer sich ihm anschließen sind wieder einmal ein Beispiel für den typischen Snobismus, den Leute an den Tag legen, die sich für etwas Besseres halten, nur weil sie Oper als hehre und somit "höhere" Kunst schätzen. Diese vergessen, wie viel Musik, auch von den ganz großen Komponisten, im Mistkübel der Geschichte gelandet ist. Warum kann man nicht das Unterhaltungsgenre für das nehmen, was es ist, und in diesem Falle ist die Unterhaltung noch dazu sehr gelungen und gekonnt!
22.10.2010, 04:23 - JJ
In diesem Punkt hatte Prawy Recht: Was für ein alberner Schmarren!
Diese Feststellung richtet sich nicht gegen das Ensemble.