Opernhaus Graz
Charles Gounod: Faust
Der erstochene Teufel
(Graz, 27.3.2011). Für Regisseurin Mariame Clément scheint der Fall klar, man kann sogar den Teufel töten: Nachdem Marguerite dies getan hat, wobei auch gleich Faust tot zusammenbricht, stellt sie sich an die Rampe und zieht sich genüsslich vor dem sich schließenden Vorhang die Lippen nach - so steht es zwar weder bei Goethe noch bei Gounod, aber warum einmal keine feministische Deutung, nur logisch erscheint sie nicht, denn Marguerite ist bis dahin den ganzen Abend lang eher die passive Verführte in der schnöden Männerwelt. Im eher kühl gehaltenen und nicht viel Stimmung aufkommen lassenden Bühnenbild – auf der Drehbühne ein schwarzer, offener Kubus mit darin fünf sich um die eigene Achse drehenden Elementen - von Johannes Leiacker verlegt die französische Regisseurin die Handlung in eine nicht näher definierte Gegenwart mit ihrem Jugend- und Schönheitskult und dem um sich greifenden Konsumismus, was auch durch die phantasievollen Kostüme von Jorge Lara verdeutlicht wird. Sie konzentriert sich vor allem auf die Liebesgeschichte mit Méphistophélès als Drahtzieher, individuell scharf profiliert scheinen uns die ProtagonistInnen jedoch nicht.
Die musikalische Umsetzung ist ebenfalls durchwachsen (welch zwar treffendes, aber für uns doch schreckliches Unwort): Wie schon bei La Traviata spielt das Grazer Philharmonische Orchester unter der Leitung von Tecwyn Evans über weite Strecken sehr schön ausbalanciert zwischen Lyrik und Dramatik, ein so verpatzter Blecheinsatz wie vor dem Salut mon dernier matin, und noch schlimmer, ein so plumper und mit lieblosem Schrummtata vorgetragener Faustwalzer sollten nicht vorkommen. Sehr schön singen auch Chor und Extrachor, wie immer sorgsam einstudiert von Bernhard Schneider, und schlagen sich bei der französischen Aussprache recht wacker, was man auch von den ProtagonistInnen bis auf kleinere Ausrutscher behaupten kann, und dass für Nichtmuttersprachler das (gesungene) Französisch eine große Hürde darstellt, ist hinlänglich bekannt. Als Méphistophélès kann Wilfried Zelinka einen großen Erfolg verbuchen, für diese Rolle sind ja auch keine schwarzen Tiefen gefordert und passt daher sein bassbaritonales Timbre, wie es ja die französische Tradition vorsieht, hervorragend, mit großer Spielfreude leuchtet er die vielen Facetten seiner Rolle aus. Gal James singt die Marguerite mit ihrem leuchtenden Sopran, die Koloraturen in der Juwelenarie ebenso meisternd wie die dramatischen Höhen im Finale. Vor Fran Lubahns exaltierter Marte schreckt sogar der Teufel zurück, Dshamilja Kaiser gibt mit wunderbar aufblühendem Mezzo den Siébel und wird bestimmt ein toller Romeo in I Capuleti e i Montecchi werden, Ivan Oreščanin ist ein baritonalen Wohlklang verströmender Valentin. Als Titelheld stellte sich Jean François Borras dem Grazer Publikum nun auch in einer französischen Rolle vor und überzeugte in allen Belangen: sprachliche Gewandt- und Nuanciertheit, wunderbares lyrisches Tenortimbre, samtweicher Tonansatz und perfekte Projektion bis hin ins Pianissimo; er versteht es, zu modulieren, jeden Ton zum Leuchten zu bringen und ihm die richtige Farbe zu geben, dazu kommt noch die bombensichere und völlig unangestrengt ansprechende Höhe, ein Nicolai Gedda, ein Alfredo Kraus, ein Alain Vanzo hätten bestimmt ihre helle Freude an so einem Rollennachfolger.
Folgevorstellungen:
2., 8., 10., 14. und 29. April
8., 11. und 24. Mai
4. Juni
Text: Wolfgang Würdinger
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