Opernhaus Graz
Richard Strauss: Die Frau ohne Schatten
Meisterliche Großtat
(Graz, 25.9.2010). Nach den Meistersingern von Nürnberg zur vorjährigen Saisoneröffnung wagte Intendantin Elisabeth Sobotka etwas, was sich beinahe ein halbes Jahrhundert keiner ihrer Vorgänger getraut hatte, nämlich Richard Strauss’ szenisch wie vor allem musikalisch so schwer umzusetzendes Werk auf den Spielplan zu setzen – und sie gewann auf allen Linien. Bei der Danksagungscour der Premierenfeier erwähnte sie zuallererst das Grazer Philharmonische Orchester unter Johannes Fritzsch, das die Strauss’sche Partitur in all ihren Facetten und all ihrem Farbenreichtum souverän umsetzte, sämtliche Instrumentengruppen erwiesen sich als bestens disponiert, und so entstand unter der umsichtigen Leitung des Chefdirigenten ein wunderbarer Klang, sowohl in den ruhigen Passagen wie auch in den dramatischen Ausbrüchen, wo Blech und Schlagwerk nie zu laut wurden, wodurch immer die Transparenz gewahrt wurde, was auch den Sängern sehr zu Gute kam – eine wahrhaft philharmonische und bereits vor dem zweiten Akt bejubelte Leistung.
Nach seinem Aufsehen erregenden Hans Sachs im Vorjahr debütierte James Rutherford nun als Barak und beeindruckte mehr noch als mit seinem intensiven Spiel mit seinem ruhig und samtig dahin strömenden Bassbariton und seiner klaren Aussprache – seine Frau, die Färberin wurde mit vielen dramatischen Ausbrüchen und scheinbar unerschöpflichen stimmlichen Mitteln von Stephanie Friede gegeben. Die Amme war Michaela Martens mit großem und leuchtendem Mezzo. Gegen dieses phänomenale Trio fiel das Kaiserpaar etwas ab, Marion Ammanns jugendlich-dramatischem Sopran fehlt es doch an Farbenreichtum, selbst wenn sie alle Höhen (immerhin bis zum hohen D) sicher, manchmal etwas schrill, erklimmt, bleibt die Mittellage blass, Corey Bix’ klarem und höhensicheren Tenor mangelt es (noch) etwas am geforderten heldischen Einschlag. Den Geisterboten orgelt beeindruckend Alik Akdukayumov (hörten wir hier bereits einen Barak der nächsten Generation?), als die drei Brüder Baraks lieferten Manuel von Senden, David McShane und Wilfried Zelinka gar köstliche und makellos singende Charakterstudien ab, Lucia Kim als Falke und Marlin Miller als Jüngling können nur als Luxusbesetzung gewertet werden.
Nach der im Sinne der Wiener Schule psychologisierenden Deutung von Robert Carsen an der Wiener Staatsoper vor etwas mehr als zehn Jahren erzählt Marco Arturo Marelli die Geschichte der beiden kinderlosen Paare geradlinig und schnörkellos, aber nicht unpoetisch, wie immer im eigenen Bühnenbild, das mit seinen zweimal vier, jeweils ein Halbrund bildendes, beweglichen Elementen auf der Drehbühne deutlich die Welten des Kaisers und Baraks voneinander trennt, dazwischen die Geisterwelt, und durch die Beweglichkeit können sich diese Welten wunderbar miteinander vermischen. Die einzige Anspielung auf die Entstehungszeit, den Ersten Weltkrieg, sind die Begleiter des Kaisers mit ihren schmucken k.u.k. Uniformen, in Baraks Färberwerkstatt befinden sich viele Metallgittercontainer voll mit zu bearbeitender Ware, hier herrschen nach kühlem Türkis die warmen Brauntöne vor, die auch Dagmar Niefind-Marelli für ihre Menschenkostüme wählte, während die Kaiserin in kostbare Stoffe gekleidet ist, wie denn jede Figur ebenso liebevoll eingekleidet wie von ihrem Mann als Regisseur detailverliebt geführt wird. Alles ist schlüssig und macht Sinn, eine zeitlose, höchst ästhetische Interpretation.
Folgevorstellungen:
29. September
1., 6., 17. und 30. Oktober
9., 12., 17. und 21. Dezember
Text: Wolfgang Würdinger




Kommentare