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Lehárfes­ti­val Bad Ischl

Leo Fall: Der fidele Bauer

Königliches Vergnügen

Diese Gast-Kritik wurde uns freundlicherweise von Kai-Uwe Garrels zur Verfügung gestellt.

(Bad Ischl, 24.07.2010). Nur 20 Kilometer Luftlinie sind es von Oberwang nach Bad Ischl, und doch brauchte „Der fidele Bauer“ 103 Jahre bis zu seiner Erstaufführung an der Traun. Mit der Operette von Leo Fall feierte das Lehár Festival Bad Ischl am Samstag seine zweite fulminante Premiere in diesem Jahr. Als Ehrengäste waren unter anderem Leo Falls Urenkel Annette Fagerström aus Schweden und Professor Peter Waxman aus Buenos Aires dabei, außerdem die Enkelin von Textdichter Victor Léon, Renate Eissing-Suchy. Ihren Vorfahren machte die Erstaufführung unter der Regie von Dolores Schmidinger alle Ehre.

Franz Suhrada in der Titelpartie als Zipfelhauben-Bauer ist der Volksschauspieler, den die Rolle verlangt. Als armer Bauer Mathaeus Scheichelroither, der sich das Studium seines Sohnes Stefan vom Munde abspart, bringt er seine ganze Bandbreite als großer Menschendarsteller auf die Operettenbühne. Manche ergriffene Träne fließt im Publikum, wenn die Wunschkonzert-Weisheit „Jeder tragt sein Pinkerl“ nicht mehr hilft und der Bauer erkennen muss: Sein Sohn, arrivierter Nervenarzt und Professor vor der Antrittsvorlesung, schämt sich für ihn. Suhrada spielt ebenso souverän wie eindringlich auf der Gefühlsskala; Gesang wäre da fast Nebensache, doch zeigt er sich den musikalischen Herausforderungen jederzeit gewachsen. Dieser Bauer ist ein Meister!

Sein Sohn Stefan wird er zwischen Vorspiel und zweitem Akt vom Oberösterreicher Buam zum hochnäsigen Großstadttherapeuten. Eugene Amesmann verkörpert den Undankbaren, arbeitet in Gestik, Mimik und Dialekt den Unterschied minutiös heraus. So bedacht er die Wahl seiner schauspielerischen Mittel setzt, so verschwenderisch geht er mit dem schönen Metall seiner Tenorstimme um, bleibt aber in den Emsembles der kultivierte Partner. Als seine spätere Gattin Friederike vertritt Petra Halper-König die erkrankte Romana Noack. Wäre dieses Einspringen nicht angesagt, vermutete niemand, dass dies nicht „ihre“ Rolle ist. Die moderne Großstadtdame von Welt mit Berliner Einschlag erhält zurecht Sonderapplaus für ihre Einlage als „Gesangsschülerin“: Ihr schlanker, wortverständlicher Sopran mit klarer Höhe wäre schon Freude genug, zudem trägt sie – schauspielerisch raffiniert – mit ihrem Verständnis für den rustikalen Schwiegervater deutlich zum Happy End bei.

Die Berliner Schwiegereltern, der Geheime Sanitätsrat von Grumow und Frau Victoria, sind darstellerische Zuckerln für Uschi Plautz und Radioliebling Walter Witzany. Wunderbar ihre hochnäsigen Großbürger, deren Berliner „Schnauze“ vor Schreck immer wieder durchbricht. Husarenleutnant Horst, ihr Sohn, ist nur die eine Hälfte der großartigen Leistung, die Thomas Zisterer spielfreudig und stimmlich hervorragend abliefert. Er ist –das mag nicht allen aufgefallen sein – ebenso der Dorfbüttel Zopf, der die Oberwanger Obrigkeit bei den Bauern so gar nicht durchsetzen kann. Hier erliegt er nicht den Verlockungen der Krawallkomik, sondern amüsiert mit Gespür für running gags und timing. Zur Zugnummer des Abends wird so auch sein Terzett der drei Waffengattungen mit den Bauern Scheichelroither und Lindoberer: Infanterie, Artillerie und Kavallerie reißen in musikalischer und choreografischer Perfektion zu Beifallsstürmen hin.

Bauer Lindoberer, dessen Großzügigkeit sein Patensohn Stefan die Studienmöglichkeit und das Stück seine Entwicklung verdankt, ist Rupert Bergmann. Er begeistert mit seiner kernigen Darstellung der blitzgescheiten Bauernschläue, seinem gewaltigen Bassbariton und kontrastierend feinziselierten Tanzeinlagen. Sein brillantes Couplet zur aktuellen politischen Lage zwischen Rauchverbot und Dichand-Nachfolge setzt seiner Darstellung die Krone auf. Sein Sohn Vinzenz ist Tenorbuffo Robert Maszl, dessen konsequente Diät zum Glück auf das Körpergewicht beschränkt blieb: Höhensichere Stimme und leichtfüßige Darstellung sind zuverlässig wie eh, nur bei der Dorfschlägerei hätte er seine ehemaligen Kilos gut brauchen können. Laura Scherwitzl ist seine Annamirl, Scheichelroithers Tochter, bezaubernd mit großen Augen und großer Stimme – eine Soubrette, wie sie im Textbuche steht.

Stimmige Inszenierung ohne Volkstümelei

Das Heinerle-Duett, gemeinhin erste Assoziation beim „fidelen Bauern“, liegt ein wenig am Rande der Handlung. Was Christine Ornetsmüller als Kuhdirn Lisi und ihr Heinerle, bei der Premiere: Martin K. Schlatte, gesanglich und schauspielerisch aus dem Bettellied herausholen, kommt der gesamten Aufführung zugute. Die Kürze dieser Rollen erfordert umso versiertere Darsteller: Hier gelingt dem kleinen, großen Schauspieler und der zurückhaltend, doch eindrücklich agierenden Sängerin ein Kabinettstück in sicherer Entfernung von Kitsch und Trivialität. Um bei den Oberwanger Obershäubchen zu bleiben: Bauer Raudaschl (Karl Herbst), der von unbezahlten Rechnungen und „gefundenem“ Obst und Gemüse lebt, sowie Butler James (Christian Kotsis), der à la „Dinner for no-one“ partout nicht über den Tigerkopf stolpert, bereichern die Szenerie beträchtlich.

Regisseurin Dolores Schmidinger ist eine stimmige Inszenierung gelungen, die Lokalkolorit stets den Vorzug vor Volkstümelei gibt. Ihre Personen sind konsequent gezeichnet, ihre Textfassung macht jederzeit deutlich, was das Stück vom Beginn des vorigen Jahrhunderts dem heutigen Publikum zu sagen hat – wenn es nur genau hinhört. Dass sie bei aller Detailtreue den Blick für die Gesamtheit der Operette nicht verliert, zeichnet die Aufführung ebenso aus wie die nötige Doppelprise Humor. Die historisch genauen Kostüme hat Katrin Köhler-Rölle entworfen, die auch für das aufwändige und variable Bühnenbild verantwortlich zeichnet. Ihr Farben- und Formenzauber wirkt vom dörflichen Oberwang bis ins noble Wien.

Vinzenz Praxmarer leistete musikalische Ausgrabungsarbeiten bei der Zusammenführung von Einzelstimmen, Partitur und weiteren Fragmenten. Als sein besonderes Fundstück erklang die Fest-Ouvertüre der Uraufführung, ein kompositorischer Parforceritt durch die gesammelten Motive der Goldenen Operettenära, als Zwischenaktmusik. Beim Dirigat musste sich Praxmarer aber von Michael Zehetner vertreten lassen. Der führt das Franz Lehár-Orchester mit Schwung und musikalischem Feingefühl zielsicher von der Festwiese bis ins Vorzimmer vom Professor Scheichelroither. Der Chor des Lehár Festivals (Einstudierung: Lászlo Gyükér) variiert gekonnt zwischen Oberwanger Kirtagsgaudi und Wiener Akademiegesellschaft, musikalisch exakt und darstellerisch pointiert. Mandy Garbrecht liefert dazu eine exzellente Choreographie, die die Massenszenen klar gliedert und Musik und Text klug ergänzt. Das Ensemble, das diese gesammelten Herausforderungen souverän besteht, hat Intendant Dr. Michael Lakner in gesunder Mischung aus Ischl-Erfahrenen und Debütanten mit gewohnt glücklicher Hand zusammengestellt. Eine solche hervorragende Gemeinschaftsleistung ist nicht möglich ohne die hohe Musikalität und darstellerische Intelligenz aller Beteiligten – „ist man auch ein Bauer, Bauer, Bauer“, amüsiert sich das Publikum doch königlich.

Text: Kai-Uwe Garrels




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Fotos: Foto Hofer, Bad Ischl


Linktipp:

www.leharfestival.at