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Schauspielhaus Graz

Michail Bulgakow: Der Meister und Margarita

Der (Teufels)kreis schließt sich

(Graz, 12.12.2010). Allein der Versuch, Michail Bulgakows monumentalen und vielschichtigen Roman, in dem er das Leben im stalinistischen Moskau der Dreißigerjahre des vorigen Jahrhunderts aufs Korn nimmt und völlig auf den Kopf stellt, indem er den Teufel einfach mit dem Beelzebub austreibt, ähnelt jenem der Quadratur des Kreises. Viktor Bodó und seinem phantastischen Team gelingt es, das schier Unmögliche zu vollbringen, d. h. das Wesentliche herauszufiltern und die drei Hauptebenen des Romans schlüssig darzustellen, nämlich erstens den bereits erwähnten Alltag in Moskau, wo so mancheR MitläuferIn ihrer/seiner gerechten Strafe zugeführt wird und die nicht dem Regime folgen Wollenden meist im Irrenhaus landen, zweitens die beinahe poetisch zu nennende Liebesgeschichte zwischen dem namenlos bleibenden Meister und der jungen Frau Margarita, und der historische Rückblick auf die Zeit des Pontius Pilatus, der auch die Titelfigur des Romans des Meisters ist.

Bereits das drehbare Bühnenbild von Pascal Raich setzt diese Intention um: Auf verschiedenen Ebenen werden öffentliche Orte, Wohnungen, Büros, das Irrenhaus und Pilatus’ Palast gezeigt, mit oft artistischer Gewandtheit springen die von Fruzsina Nagy typgerecht, phantasie- und geschmackvoll eingekleideten SchauspielerInnen, die zumeist mehrere Rollen zu verkörpern haben, von einer Ebene zur anderen, das Grazer Ensemble verschmilzt mit Bodós Szputnyik Shipping Company zu einer harmonischen schauspielerischen Einheit: Franz Solar gibt einen nicht nur satanischen, sondern auch mit vielen menschlichen Zügen behafteten Woland, sein seltsames Gefolge wird von Anna Hay, Péter Jankovics und ganz toll von Zoltán Szabó als Kater Behemoth mit leicht ungarisch angehauchtem Deutsch dargestellt, was ja auch passend ist, da sie ja die Fremden in Moskau sind. Nach seinem grandiosen Hamlet verkörpert Claudius Körber intensiv den zwar zurückhaltenden, aber auch im Irrenhaus noch konsequent regimekritischen und immer menschlichen Poeten Iwan Heimarlos, als Titelfiguren profilieren sich Jan Thümer, der auch als sein eigener Titelheld Pilatus auftritt, und Birgit Stöger, einer der stärksten Momente des Abends ist Margaritas Hexenritt über Moskau, dargestellt als höchst ästhetisches Schattenspiel hinter herabgelassenem Zwischenvorhang.

In jeweils mehreren Rollen sind mit großer Flexibilität und Wandlungsfähigkeit Sebastian Reiß, Steffi Krautz (insbesonders als widerliche Hausverwalterin), Thomas Frank (wunderbar schleimig als Archibald Archibaldowitsch), Sophie Hottinger, Kata Petö, Leon Ullrich und András Lajos zu erleben.

Ein großes Lob auch an Klaus von Heydenaber und seine tollen MusikerInnen.

Fazit: Es handelt sich zweifelsohne um eine der besten Aufführungen, die derzeit in Österreich zu sehen sind; ein großer Wurf aus Phantasie und Realität, Ernsthaftigkeit und – oft abgründigem – Humor, und vor allem Demaskierung der Diktatur und ihrer Mitläufer, ist, ganz im Sinne Bulgakows, herausragend gelungen.

 

Tipps des Rezensenten:

Sowohl das Buch lesen, so nicht bereits passiert, und die Aufführung ansehen!

Vor der Vorstellung am 8. Jänner findet im Schauspielhaus in Zusammenarbeit mit der Universität Graz ein Symposium zum Thema statt.

Folgevorstellungen:
21. und 22. Dezember 2010
7. und 8. Jänner 2011
3. und 18. Februar 2011

Text: Wolfgang Würdinger




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