Lehárfestival Bad Ischl
Kálmán: Die Csárdásfürstin
Grandioser Start
Diese Gast-Kritik wurde uns freundlicherweise von Kai-Uwe Garrels zur Verfügung gestellt.
(Bad Ischl, 17.07.2010). Am Samstag begann „Die Csárdásfürstin“ ihre Regierungszeit in Bad Ischl. Mit einer rauschenden Premiere startete das Lehár Festival in seine heurige Spielzeit. Zur feierlichen Eröffnung würdigte Bürgermeister und Kulturstadtrat Hannes Heide die Bedeutung des Festivals für die Stadt, Landeshauptmann Dr. Josef Pühringer strich den persönlichen Einsatz und die glückliche Hand von Dr. Michael Lakner als Intendant heraus. Rechtzeitig zum Operetten-Feuerwerk im Kongress und TheaterHaus profitierte das Publikum vom Sommergewitter draußen, das die Temperatur drinnen auf ein erträgliches Maß sinken ließ. Auch eine stattliche Reihe von Ehrengästen wurde so vom Saunagang verschont: Staatsoperndiva KS Sona Ghazarian, Volksopernstar Guggi Löwinger, Schauspielerin und Autorin Prof. Brigitte Neumeister und – aus der „Zarewitsch“-Produktion in Mörbisch angereist – Schauspieler Christian Futterknecht waren ebenso dabei wie Kabarettistin, Schauspielerin und Regisseurin Dolores Schmidinger sowie Film- und Theatergröße Franz Suhrada. Auch die „Leitungsebene“ war mit den Intendanten Prof. Heinrich Kraus (ehemals Theater in der Josefstadt), Dr. Helmut Obermayr (ORF-Landesstudio Oberösterreich) und Jutta Skokan (Salzkammergut-Festwochen Gmunden) vertreten. Bad Ischls Ruf als „Operettenbörse“ sicherten die Enkelin des Operettenkomponisten Oscar Straus, Inge Prebil-Straus, der Präsident des Wiener Instituts für Strauß-Forschung und Urenkel von Eduard Strauß, Dr. Eduard Strauß sowie die Großnichte des Tenors und Lehár-Intimus' Richard Tauber, Mädi Tauber.
Der perfekte Abend begann bereits mit der Festrede von Theater- und Filmschauspielerin Nicole Beutler: Pointiert und authentisch erläuterte sie, was man mit Operette machen darf – und was nicht. Welche Körperteile demnach neben Kopf und Bauch noch an einer idealen Aufführung beteiligt sein sollten, konnte das ausverkaufte Haus gleich darauf am lebenden Beispiel nachvollziehen. Wolfgang Dosch inszenierte Emmerich Kálmáns Operette „Die Csárdásfürstin“ temporeich und mit viel Witz, einem unschlagbar musikalischen Ohr und choreographischen Auge, ohne dabei in Ehrfurcht vor einem unbestreitbaren Meisterwerk zu erstarren. Den Fatalismus, „wie lange noch der Globus sich dreht“ lässt Dosch dem „Kriegskind“ (1915, im Ersten Weltkrieg, in Bad Ischl fertiggestellt und in Wien uraufgeführt) nicht immer durchgehen: Neben glanzvoller Abendrobe und Frack bleibt der feldgraue Uniformmantel im Hintergrund präsent – die Kostüme eine Meisterleistung von Elisabeth Stolze-Bley. Das wandlungsfähige Bühnenbild von Bernhard Niechotz liefert den passenden Kontrast vom prächtigen Budapester Orpheum über das noble Palais Lippert-Weylersheim in Wien bis zum tristen Bahnhof, von dem auch beim Happy End die Züge zur Kriegsfront starten. Abgerundet wird die Produktion durch eine Ischler Premiere: die erste Drehbühne beim Lehár Festival.
Ideales Ensemble
Einen gewohnt guten Griff hat Intendant Dr. Michael Lakner bei der Zusammenstellung des Ensembles getan. Miriam Portmann verleiht mit gewohnt großer, wandlungsreicher Stimme und nuancenreichem Spiel der „Csárdásfürstin“ Silva Varescu alles, was eine Diva braucht. Ihr Auftrittslied „Heia, in den Bergen“ setzt die hohe musikalische Qualität für den gesamten Abend. Einfühlsam zeigt Portmann, dass die innere Größe der Chansonnière sehr wohl den Geburtsadel ersetzt, der ihr zum Liebesglück mit Graf Edwin fehlt. Matjaz Stopinsek verleiht dem von seinen Eltern fehlverlobten jungen Adligen tenoralen Schmelz und darstellerische Tiefe. So kompliziert sich auch sein Liebesleben gestaltet, so eindeutig zeigt er seine sängerische Qualität. Yvonne Friedli als seine Cousine und weitgehend ungeliebte Verlobte Komtesse Stasi überzeugt mit ausgezeichnet sitzender Stimme und tänzerischer Rafinesse. Insbesondere im Tanzduett mit Graf Boni „Bist du mein Freund?“ Káncsiánu wird so die ganze Lebensfreude vergangener Epochen (und der Ischler Inszenierung) deutlich. Roman Martin als dieser Boni ist ein Tanzbuffo, wie man ihn lange suchen muss: Überschäumend sein Bewegungsdrang, faszinierend seine ans Akrobatische grenzenden Tänze und Einlagen, dabei bewundernswert sein musikalisch und interpretatorisch brillanter Gesang. Sein komisches Talent kann er vor allem als Aushilfsehemann der Varescu ausleben, von Edwin mehrfach geschüttelt, aber nicht gerührt. Dass Martin außerdem noch so fesch aussieht, lässt an der Gerechtigkeit des Operettengottes zweifeln – die „Mädis vom Chantant“ haben jedenfalls Glück, dass er ihnen nicht komplett abschwören mag. Und Bad Ischl hat Glück mit den Mädis – seit langer Zeit gibt es wieder ein Ballett auf der Operettenbühne, denn „ganz ohne Weiber geht die Chose nicht“. Die tänzerische Güte der Damen in der einfallsreichen Choreographie von Mandy Garbrecht (die selbst als Juliska mittanzt und -spielt) trägt das Ihre zum Erfolg des Abends bei.
Als Feri Bácsi, dem lebens- und liebesklugen Bonvivant, gehört Kammersänger Kurt Schreibmayer die Bühne. Aus der Charakterrolle, der er schauspielerisch sowieso nichts schuldig bleibt, macht er zusätzlich ein musikalisches und tänzerisches Bravourstück. So kontrastiert sein tröstliches Trio „Jay, mamám, Bruderherz“ (mit Sylva und Boni) eindrucksvoll mit seinem gebrochenen Herzen und seiner gebrochenen Stimme, als er erkennt, dass sich seine tragische Geschichte bei Edwin und Sylva zu wiederholen droht. Seine alte Liebe, die sich von der Tänzerin „Kupferhilde“ aus Miskolc zur Gräfin Anhilte emporgeheiratet hat, ist Schreibmayers Gattin Helga Papouschek. Ihrer Darstellungskunst verdankt die Gräfin eine amüsanten Tingeltangel-Einschlag, das Lehár Festival die jugendlichste komische Alte seit langem. Gerhard Balluch ist ihr Angetrauter auf der Bühne, Leopold Maria Fürst von und zu Lippert-Weylersheim, einmalig komisch in seiner Zerstreutheit (ja, das zündet – professionell angelegt – auch heute noch) und unnachahmlich brüskiert, als er von der Vergangenheit seiner Anhilte erfahren muss. Das Emsemble komplettieren bis in die Nebenrollen hinein typgenau besetzte Darsteller, vom Zeitungsjungen Christian Kotsis über den stimmgewaltigen Ausrufer Tomaz Kovacic bis zum Notar Karl Herbst (Kabinettstückchen!).
Marius Burkert leitet das Franz Lehár-Orchester mit großem Gespür für die feinen Nuancen, die Emmerich Kálmán jenseits der bekannten Schlager in der Partitur verstreut hat. Er bringt Orchester, Solisten und Chor so zu einer musikalischen Einheit, die wesentlich mehr ist als die Summe ihrer Teile – nämlich Kálmáns Opus summum von vor 95 Jahren, wie es auch heute noch interpretiert gehört. Chordirektor László Gyükér ist da Burkerts kongenialer Partner mit ausgezeichnetem Gehör und gutem Gespür für die Möglichkeiten des Chores, die er voll ausschöpft. Hier macht es sich bezahlt, dass dieser Klangkörper allesamt Sängerinnen und Sänger mit Solistenqualitäten vereint. Und so wird nicht nur im Stück, sondern auch für das Publikum alles gut: Sylva bekommt ihren Edwin, Stasi ihren Boni und Bad Ischl einmal mehr eine Meisteroperette.
17 weitere Vorstellungen bis 5. September.
“Der fidele Bauer“: Premiere Samstag, 24. Juli, 20.00 Uhr. Elf weiter Vorstellungen bis 4. September.
“Frasquita“: konzertante Aufführungen am 15. und 16. August.
Text: Kai-Uwe Garrels






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