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Soziale Interaktion verlernt:

Wohlstandsautismus

Mein Mann wurde vor kurzem Zeuge eines Motorradunfalles. Als er gerade an einer Kreuzung darauf wartete, dass ich ihn mit dem Motorrad abhole, sah er, wie der Lenker einer Honda Goldwing auf den regennassen Straßenbahnschienen ins Rutschen kam und stürzte. Nachdem der Fahrer und seine Freundin auf der Straße zu Fall gekommen waren, war mein Mann der einzige, der sich um die beiden kümmerte und ihnen half, die schwere Maschine wieder aufzurichten. Alle anderen Augenzeugen beschränkten sich darauf, blöd zu gaffen.

Die gleiche Erfahrung habe auch ich gemacht, als ich einmal vor einer mit Wartenden gut bestückten Straßenbahnhaltestelle zu Sturz gekommen war. Zum Glück war meine Maschine leicht genug, dass ich sie alleine wieder aufstellen konnte. Andernfalls läge sie wahrscheinlich immer noch am Asphalt.

Ein anderes Beispiel: Als ich vor einiger Zeit einen Bekannten traf, lud ich ihn auf eine Party ein. Er lehnte dankend ab und begründete das wie folgt: Sein jetziger Freund wolle nicht, dass er gesellschaftliche Kontakte pflege. Auf meine Aufforderung, doch zu zweit zu kommen, lehnte er wieder ab. Sein Freund und er gingen nicht fort. Auch die Kontakte zu ihren früheren Freunden hätten sie abgebrochen, weil sie sich nur auf ihre Beziehung konzentrierten.

Oder: Ein befreundetes älteres Ehepaar hatte sich nur auf die Erziehung ihrer Kinder konzentriert. Nachdem alle Nachkommen den Studienabschluss absolviert hatten, jammerten sie, weil die Kinder keine Anstalten machten, von zu Hause auszuziehen. Dieses Leiden war natürlich nur von temporärer Art, denn natürlich haben die Kinderlein nun schon seit längerem ihre eigenen Familien gegründet und jetzt sitzen die Eltern allein zu Hause und mussten schmerzhaft erkennen, dass sie über die Sorge der Kindererziehung vergessen hatten, sich einen eigenen Freundeskreis aufzubauen. Sie sind mittlerweile sehr einsam.

Alle obigen Beispiele haben eines gemeinsam: Die betroffenen Charaktere haben verlernt, sozial zu interagieren: Wenn jemand Hilfe benötigt, schaut man weg und Freunde werden als entbehrliche Belastung betrachtet, solange es einem vermeintlich gut geht oder man mit was anderem beschäftigt ist. Die Frage, wer einem denn in schlechten Zeiten helfen soll, wenn man selbst nicht bereit ist, im Notfall anzupacken, scheint sich keiner zu stellen.

Es scheint eine weit verbreitete Wohlstandsnebenerscheinung zu sein, dass man Kontakt mit außen zu vermeiden sucht. Jeder ist sich selbst genug und baut um den Kernbereich seines sozialen Umfeldes eine Mauer. Da sind Freunde ebenso unwichtig, wie Hilfsbereitschaft. Dieser Wohlstandsautismus löst bei mir verständnisloses Kopfschütteln aus. Beirren lasse ich mich durch solch seltsame Verhaltensweisen jedoch nicht! Ich werde weiterhin meinen Freundeskreis pflegen und wie mein Mann tatkräftig zupacken, wenn meine Hilfe nötig ist. Soziale Interaktion ist nämlich reziprok: Nur wenn man redet, wird man angesprochen, nur wenn man hilft, wird einem geholfen und nur wenn man gibt, wird einem gegeben. Dass man dabei ab und zu mehr leistet, als man zurückbekommt, ist ein systemimmanentes, aber vernachlässigbares Risiko.

Denn auch die Wegschauer werden irgendwann einmal – zumindest bildlich – auf dem Asphalt liegen und die „sich nur auf ihre Beziehung Konzentrierer“ werden auch bald mal als Singles dastehen. Ihnen allen wird es wie meinem bekannten Ehepaar gehen: Sie werden zwar erkennen, was sie falsch gemacht haben, aber unfähig sein, das Versäumte nachzuholen.

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