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Spiegel unseres Lebens:

Weihnachten retrospektiv

Weihnachten ist vorbei – sozusagen gegessen. Für die kulinarischen Hochgenüsse während der Feiertage mussten in meiner Küche zwei Kaninchen, ein Kalb und ein Truthahn ihr Leben lassen. Mehrere Flaschen Champagner sind geleert – man wird sie im Buntglassammelbehälter wohl dekorativ ganz oben drapieren müssen. Und während die festlich geschmückte Baumleiche in meinem Wohnzimmer ihre Nadeln zu Boden rieseln lässt, werde ich nachdenklich …

Was bedeutet Weihnachten eigentlich für mich? Da es in meinem Leben fast keine Konstanten gibt, verwundert es mich nicht, dass auch Weihnachten stetig sein Gesicht verändert. War es zu Kinderzeiten ein unbeschwerter Geschenksreigen, wurde es danach zu einer wohlzelebrierten Kitschorgie. In meiner Zeit als Studioso musste jedes Jahr ein neu gestylter Christbaum das Wohnzimmer schmücken. Dann kam die erste große Liebe – und mit diesem Gefühlsüberschwang erlebte auch Weihnachten eine ungeahnte Konjunktur. Deckenhohe Christbäume, Festtafeln, welche die Unmengen an Speisen kaum tragen konnten und Geschenkorgien, deren Kosten mir selbst heute noch die Schamesröte ins Gesicht steigen lassen.

Damit war nach ein paar üppigen Jahren zum Glück Schluss. Dann verfiel ich ins andere Extrem und wurde zum totalen Weihnachtsverweigerer – und zwar zum einzigen in unserer Familie. Bei der Bescherung gab es lange Gesichter. Ich stand reich beschenkt da und mein Bruder sprach aus, was sich alle dachten: „Und du hast nichts für uns?“ Die Situation war absolute Scheiße. Ich nahm mir vor, mich zu bessern.

Seither ging ich ans Weihnachtsfest ein bisschen differenzierter heran. Mit ein wenig Feingefühl kann man ohne Weiteres mit kleinen bis mittelgroßen Geschenken seinen Lieben Freude bereiten, ohne das Fest in eine Konsumorgie ausarten zu lassen. Das Wichtigste ist für mich allerdings, dass man sehr wohl Weihnachten feiern kann, ohne sich dem ideologischen – kirchlich oktroyieren – Überbau des Festes zu unterwerfen.

Na ja – ein wenig Prunk muss man schon übrig lassen … vor allem, wenn man wie ich ein bisschen bourgeois aufgewachsen ist. Für mich besteht dieser Luxus halt im Konsum von französischem Sprudelwasser und einer gut gefüllten Festtagstafel. Das Wichtigste sind aber nicht die Geschenke und der feiertägliche Tamtam, sondern die lieben Menschen, welche man um sich hat. Das ist eigentlich der wahre Luxus, der Weihnachten für mich ausmacht. Und das empfinde ich nicht nur zu Weihnachten so.

Eigentlich ist Weihnachten ein gutes Barometer für unser allgemeines Gefühlsleben: Wenn man den ganzen Trara um das große Fest weglässt, offenbaren diese paar Tage einen Spiegel unseres Lebens. So wie wir die hohen Feiertage verbringen, so sieht es auch in uns drinnen aus. Diese Erkenntnis macht auch den Wandel meines persönlichen Weihnachtsbildes klar durchschaubar: Alles, was mein Leben während des Jahres prägte, fand im weihnachtlichen Trubel konzentrierten Niederschlag. Deswegen horche ich auch gerne in mich hinein und frage mich, ob das gerade verbrachte Fest ein gutes war …

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