Den Schlamperdatschen gewidmet:
Vergessen, verlegt, verloren
Ich habe einen Freund, der alles verlegt. Zum Glück tut er das nur in seiner Wohnung. Das heißt, dass er eigentlich nichts verliert – denn verlegt ist ja zum Glück nicht verloren. Allerdings findet er Sachen nie dann, wenn er sie braucht. Wenn er nämlich nach etwas sucht, kommen ihm hundert andere Dinge unter, die er schon vor Monaten benötigt hätte, sie damals aber nicht auffinden konnte. So stapeln sich in seinen Schubladen Generationen von Pässen, Führerscheinen, Schlüsseln und was weiß ich noch. Allerdings sind die Schlösser zu den archivierten Schlüsseln längst ausgetauscht und die Dokumente allesamt ungültig, weil Neuausfertigungen ihre Lebensdauer beendeten. Wahrscheinlich sucht er gerade jetzt nach einer der aktuellen Ausfertigungen …
Als ich kürzlich in der Zeitung las, dass die NASA die Originalbilder und -videos der ersten Mondlandung verlegt hat und seit über einem Jahr vergeblich nach ihnen sucht, musste ich heftig schmunzeln und fühlte mich an meinen oben beschriebenen Freund erinnert. Auch das Argument von John Sarkissian, Wissenschaftler am Parkes Radio Observatory in Australien, „Ich möchte klarstellen, dass die Bänder nicht endgültig verloren sind“, erinnert mich an die Diktion meines Freundes bei der Suche nach seinem jüngst noch vorhanden gewesenen Führerschein. Den Umstand, dass er ihn nicht mehr wiederfand, kommentierte er mit dem aufmunternden Statement, dass er deswegen ja nicht das Autofahren verlernt habe, worauf er sich frohgemut in sein Cabrio schwang.
In gewisser Weise ist er ja ein ziemlich cooler Typ – genauso wie die NASA, die sich ja immerhin mit dem Umstand trösten kann, dass auch die Erinnerung an das denkwürdige Ereignis was wert ist. Und irgendwie hat die Nachlässigkeit der amerikanischen Weltraumbehörde ja auch was zutiefst Beruhigendes an sich: Anders als explodierende Raumfähren lassen verschollene Videotapes ja noch auf ein glückliches Ende hoffen. Und selbst der schusseligste Sachenverleger kann sich brüsten, in einer Reihe mit der NASA stehen zu dürfen.
Aber nun zum eigentlichen Zweck meines Artikels:
Ich will allen Schlamperdatschen Mut machen. Die Geschichte besteht nicht nur aus Heldentaten. Auch Fehlleistungen haben einen ehrenvollen Platz in unserer kollektiven Erinnerung. Vor allem das Verlegen, Verlieren und Vergessen ist ein geradezu essenzieller Teil unseres Gesellschaftssystems.
Was sind denn schon ein paar vergammelte schwarz-weiß Magnetbänder von anno 1969 gegen die etwa 2 Milliarden Euro (in Zahlen: € 2.000.000.000,–), welche in den letzten Jahren von der BAWAG in den karibischen Sand gesetzt worden sind oder etwa das verschollene Bernsteinzimmer? Peanuts!
Oder eine mittlerweile aussterbende Generation, die zum Beispiel ganze 1000 Jahre (1933–1945) aus ihrem Gedächtnis gelöscht hat … Da kann ich nur sagen: Kopf hoch, liebe NASA, da ist dir schon Schlimmeres widerfahren!
Und all jene, die gerade nach irgendwas suchen, kann ich auch aufheitern: Auch wenn das betreffende Trumm für immer verschollen bleibt, kann der Verlust nicht so groß sein, wie in den oben beschriebenen Beispielen!
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