Dr. Faust und Jamie Oliver
The Naked Chef
Als ich neulich Jamie Oliver beim Zutatenquälen beobachtete, kam mir eine Erleuchtung. Ich weiß jetzt, warum seine Fernsehserie im Original „The Naked Chef“ heißt: Mit noch nie da gewesener Offenheit lässt er die Zuseher nicht nur in seine Kochtöpfe blicken, sondern breitet vor ihnen auch jede Kleinigkeit seines Privatlebens aus. Dem mehr oder weniger geneigten Betrachter eröffnen sich Einblicke, die niemand wirklich interessieren.
Zwar ist es durchaus interessant, welche Blüten die Kombination von englischer Hemdsärmligkeit und kontinentaler Küche treibt, aber das Ergebnis mit dem Privatleben des Kochs zu garnieren, mutet genauso seltsam an wie gesottenes Rindfleisch in Minzsoße.
In einer Folge erlitt Jamie in der Küche seines Restaurants einen Nervenzusammenbruch und begab sich für einige Momente ins Kühlhaus, um dort zu weinen. Die Kamera war live dabei und filmte jede Träne. Offenbar war der entnervte Koch tatsächlich unzurechnungsfähig – sonst hätte er die salzige Flüssigkeit sicher zum Würzen verwendet.
Dieses Spektakel hat mich doch sehr nachdenklich gemacht. In gewisser Weise erinnert mich Jamies totale mediale Vermarktung der eigenen Person an Dr. Fausts Pakt mit dem Teufel. Würde Goethe heute leben, wäre Fausts Vertragspartner sicher nicht der Teufel, sondern ein Medienkonzern. Denn: Was kann uns aufgeklärten Menschen der Teufel schon Schlimmes antun? Und vor allem: Was hat er denn als Gegenleistung zu bieten? Gar nix! Welche Möglichkeiten haben dagegen das Fernsehen und andere Medien? Die haben die unumschränkte Macht, ein jämmerliches und uninteressantes Individuum zum Star aufzubauen – und das ohne Wenn und Aber! Christl Stürmer weiß das.
Was hat man als Gegenleistung zu erbringen? Ganz klar: Das Faustpfand ist – und da hat sich nichts geändert – die eigene Seele. Aber das Fernsehen geht noch einen Schritt weiter, als Goethes Teufel bei Dr. Faust: Jamie Oliver musste nicht nur seine eigene Seele dem medialen Ruhm opfern. Nun ist auch noch seine gerade mal einjährige Tochter dran. Auch ihr folgt die Kamera auf Schritt und Tritt – besser gesagt: sie folgt dem seelenlosen Papa, während er den Kinderwagen schiebt, für sie kocht und sie füttert.
Da hört sich für mich alles auf! Wie kann man nur sein Kind im Fernsehen verhökern? Aber andererseits bleibt dem Starkoch gar nichts anderes übrig: Auf Ebay ist der Handel mit Tieren und Kindern verboten. Wie schön, wenn das Fernsehen da in die Bresche springt und Höchstpreise fürs Bäuerchen nach dem Happi-Happi-Machen zahlt!
Und da lachen wir über Naturvölker, die fürchten, dass eine Kameralinse ihnen die Seele rauben könnte!
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