Datingforen und Chats:
Nur Faker und Picsammler?
Eine kurze Reflexion über die Datingseiten im Internet – genauso oberflächlich wie das Medium selbst …
Als gelegentlicher Chatter und Profilinhaber auf schwulen Datingseiten im Internet stellte ich mir eines Tages die Gretchenfrage1) aller im Net nach Sex, Liebe oder was auch immer Suchenden: Finde ich im Internet denn was Brauchbares?
Radio Eriwan2) würde antworten: „Im Prinzip ja, aber wenn Sie von den Datingseiten enttäuscht sind, dann können Sie es ja bei Ebay probieren!“ Und Radio Eriwan hat immer Recht – oder? Muss man Gaydar, Gayromeo, Rainbow online und wie sie noch alle heißen, den Rücken zuwenden und sich stattdessen dem elektronischen Kaufrausch hingeben? Ich würde sagen: „Im Prinzip nein, aber bei extremem Frust wirkt ein bisschen Shopping schon stimmungsaufhellend“.
Ich sehe das Internet als virtuelles Spiegelkabinett unserer realen Welt. Wo ist denn der große Unterschied zwischen dem Cruising im Stadtpark und dem Abgrasen der Datingprofile? Ist die durchschnittliche Kommunikationsqualität in einer x-beliebigen Bar wirklich messbar höher, als jene in einem virtuellen Chatroom – und sind die Chancen, den oder die Richtige zu finden, nicht auch bei Suche unter Realbedingungen verschwindend gering?
Diese Fragen muss sich natürlich jeder selbst beantworten, aber ich finde, dass die vernetzte Computerwelt da gar nicht so schlecht abschneidet. Ich kenne einige Pärchen, die sich im Internet kennen gelernt haben – eine Freundin von mir hat sogar vor kurzem geheiratet – love.at hatte sie vor drei Jahren mit ihrem jetzigen Mann zusammengeführt. Also nützt der ganze Kram ja doch was!
All jene, die nach unermüdlicher Partnersuche im WWW entmutigt resignieren, weil sie von einem Picsammler zum nächsten Faker getorkelt sind, sollten mal einen Blick in die oben erwähnte x-beliebige Bar werfen: Da tummelt sich mindestens genau so viel Schrott! Allerdings liegt im anonymen Chat die Hemmschwelle bedeutend niedriger. Das hat aber den angenehmen Nebeneffekt, dass man sich auch über Themen, die man von Gesicht zu Gesicht nicht so gerne anspricht, freier unterhalten kann. Und auch im wirklichen Leben führt nicht jedes Flirten zum gewünschten Erfolg.
Man sollte das Internet nicht verdammen, nur weil dort die Schwanzlänge eher zur Sprache kommt. Es kommt nur darauf an, wie man dieses Medium verwendet. Natürlich kann es keinen Ersatz für einen langjährig gewachsenen Freundeskreis bieten. Aber um mal ein bisschen abzuquatschen oder verbal herumzuferkeln ist es die ideale Plattform. Auch die Anbahnung eines One-Nights-Stands funktioniert mit ein wenig Übung hervorragend. Das habe ich alles schon erfolgreich ausprobiert! „ABER …“ so höre ich es gerade rufen, „wo bleibt denn da die Liebe?“ Dem halte ich entgegen, dass man die große Liebe ohnehin nicht suchen sollte. Die kommt nämlich von selbst, wenn man sie am wenigsten erwartet. Auch das habe ich schon ausprobiert.
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1) Goethe; Dr. Faust, der Tragödie erster Teil. Gretchen fragt Dr. Faust, welcher mit dem Teufel im Bunde ist: „Heinrich, wie hältst du es mit der Religion?“
2) Eriwan oder auch Jerewan ist die Hauptstadt der ehemals sowjetischen Teilrepublik Armenien. Der dortige Radiosender unterhielt in düsteren Zeiten des Kommunismus und kalten Krieges eine Sendung, in welcher auf Hörerfragen geantwortet wurde. Rund um diese Sendung entwickelte sich ein eigenes Witzgenre, welches mit systemkritischem Sarkasmus nicht sparte. In ihrem Herkunftsland hinter vorgehaltener Hand erzählt wurden diese Radio-Eriwan-Witze weit über die Grenzen des Eisernen Vorhangs hinweg berühmt. Die meisten Antworten begannen mit den wagen Worten: „Im Prinzip ja (oder nein), aber …“
Kostprobe:
Frage an Radio Eriwan: Stimmt es, dass jeder Besucher des Roten Platzes in Moskau ein Auto geschenkt bekommt?
Radio Eriwan antwortet: Im Prinzip ja, aber es handelt sich nicht um den Roten Platz in Moskau, sondern um den Gorkiplatz in Kiew. Es sind auch keine Autos, sondern Fahrräder und sie werden einem nicht geschenkt, sondern gestohlen.
Oder:
Frage an Radio Eriwan: Stimmt es, dass Tschaikowski schwul war?
Radio Eriwan antwortet: Im Prinzip ja, aber wir lieben ihn auch wegen seiner herrlichen Musik.
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