„Darauf könnt ihr lange warten“
Hochzeitsglocken
Ich habe einen Freund – der will im Sommer heiraten. Als er mir das eröffnete, war ich zwar etwas überrascht, aber bei genauerer Überlegung fand ich sein Ansinnen gar nicht so abwegig. Er verfügt über alle Voraussetzungen, die dafür notwendig sind:
1.) Er ist bis dato noch unverheiratet
2.) er befindet sich im besten Alter – also ist Eile geboten
3.) er kann kochen
4.) nach anfänglichen Fehlversuchen wurde er sehr häuslich und vor allem:
5.) Er hat einen Mann gefunden, der ihn nimmt.
Also ab vor das Standesamt! Aber hoppala! Da musste er bemerken, dass, wenn auch er alle notwendigen Voraussetzungen für eine Ehe geschaffen hatte, von staatlicher Seite etwas vergessen worden war: Trotz jahrelanger dringlicher Aufforderungen von Seiten der EU weigert sich Österreich immer noch beharrlich, das Rechtsinstitut der Ehe anderen als heterosexuellen Menschen zu öffnen. Warum denn eigentlich?
Ich kann mir keinen Reim darauf machen. Die Heteros gehen mit der Ehe nämlich sehr nachlässig um. Eine Scheidungsrate von weit über 30% legt ein äußerst schlechtes Zeugnis ab. Ich bin sicher, dass wir Lesben und Schwule da besser abschneiden würden. Es könnte der Ehe also nur gut tun, wenn man uns mal machen lassen würde.
Da bin ich mit meinem Freund einer Meinung. Solche und ähnliche Argumente auf den Lippen saßen wir proseccoschlürfend auf seinem Balkon und politisierten vor uns hin. Vom plötzlich einsetzenden Regen ließen wir uns nicht stören. Auf einmal taten sich die Wolken auf und herab vom Himmel schwebte ein goldummantelter Engel auf uns zu. Wir dachten zuerst, dass er zu den Nachbarn wollte, welche – wenn sie nicht gerade mit Möbeln werfen – eifrige Kirchgänger sind.
Aber nein! Der Engel wollte zu uns. Er stellte sich vor uns hin und blickte uns gütig an. Wir waren sprachlos. Ich wollte gerade aufstehen, um ihm ein Glas zu holen, da befahl er uns, niederzuknien und die Blicke zu senken. Wir taten, wie uns geheißen. Dann sprach er zu uns: „Ich werde euch den Weg zur Glückseligkeit weisen.“ Mein Freund antwortete: „Edler Engel – ich will nichts weiter, als meinen geliebten Mann heiraten!“ Da erhob sich der Engel wieder gegen Himmel und begann schallend zu lachen. Mit den Worten: „Bei eurer Regierung könnt ihr lange darauf warten!“ entschwand er wieder und es regnete weiter.
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