„allgemeine Kommunikationsschwäche“
Die Vater-Sohn-Kiste
Prinzipiell sind alle Väter stolz auf ihre Söhne. Oder sie wollen es zumindest sein. Nur leider wird ihnen das vom Nachwuchs meist sehr schwer gemacht.
Einfach läuft die Sache noch in der Schule: Solange lernwillige Söhne einigermaßen gute Noten nach Hause bringen, gibt das ihren Vätern genug Stoff, um stolz ihre Brust schwellen zu lassen. Doch wer kommt schon ohne schulische Durchhänger aus? Und da beginnt es, sich zu spießen. Während Mütter ihre Kinder ohne Wenn und Aber abgöttisch lieben, will ein Vater mehr für seine Zuneigung haben. Leider schlägt in so einer Situation ein sehr weit verbreitetes männliches Manko unerbittlich zu: Ich bezeichne es als „allgemeine Kommunikationsschwäche“. Und dieses Manko betrifft natürlich beide Seiten. Schließlich sitzen Vater und Sohn ja im selben Boot. Sie sind beide männlich.
Ausgangspunkt: Der Vater will bessere Noten sehen und der Sohn möchte das eigentlich auch, nur fehlt ihm dazu die Motivation. Es wird sich etwa folgende Szene zutragen (die Gedanken hinter der Konversation stehen in Klammern):
Vater: „Was soll der Fleck?“ (Ich liebe dich auch so, aber ich weiß, dass du bessere Leistungen erbringen kannst)
Sohn: Zuckt mit den Achseln (Ich bin mit meiner jetzigen Situation überfordert und die Schule ist das Letzte, woran ich gerade denke)
Vater: „Antworte mir, wenn ich dich was frage!“ (Ich will mit dir ein sehr wichtiges Thema besprechen und baue auf deine Mitarbeit!“
Sohn: „Der Lehrer sitzt mir auf.“ (Niemand versteht mich)
Vater: „Lüg' mich nicht an! Du bist einfach nur faul!“ (Mir ist es doch genauso gegangen – sag mir, was dich bedrückt!)
Sohn: „Lass mich in Ruhe!“ (Und du verstehst mich schon gar nicht!)
Vater: „Solange du unter meinem Dach wohnst, redest du nicht so mit mir!“ (Mir sind die Argumente ausgegangen …)
So oder ähnlich spielen sich sehr viele Streitgespräche zwischen Vätern und heranwachsenden Söhnen ab. Die Themen sind beliebig austauschbar. Irgendwann kommt die Sache dann an einen Wendepunkt. Der Sohn ist dem Kindesalter entwachsen und thematisiert Dinge, die über die bisher (verfehlt) angesprochenen Konflikte hinausgehen. Und dann schlägt die allgemeine Kommunikationsschwäche mit voller Wucht zu. Es geht nicht mehr um Kindersachen, sondern dann prallen konträre Weltsichten aufeinander. Und entgegen weiblicher Konfliktlösungsart wollen Männer immer durch die Wand – egal, ob da eine Tür ist, oder nicht.
Jeder Mann weiß aus eigener schmerzlicher Erfahrung, welche gefühlsmäßigen Beulen das hinterlässt. Aber wir wären nicht Männer, wenn wir Verletzungen, die wir im Kampf erlitten haben, nicht auch eine seltsam berauschende innere Bestätigung abgewinnen könnten. Also heißt die Devise beim nächsten Mal: Hollodrio – wieder gegen die Wand!
So manche Vater-Sohn-Beziehung hält dieses ewige Aufeinanderprallen nicht aus und zerbricht. Mit einiger Ausdauer kann man aber lernen, aufeinander zuzugehen und ab und zu den Mund zu halten, auch wenn man unbedingt was loswerden möchte, was den anderen eiskalt erwischen würde. Und wenn beide das machen, lernt man vielleicht, den Standpunkt des anderen zu verstehen.
Nun – ich habe diese kurze Betrachtung eines langen und vielschichtigen Themas nur aus einem Blickpunkt sehen können: Ich bin nur Sohn. Aber mittlerweile kann ich meinen Vater ganz gut verstehen. Wir sind nämlich beide Männer – unsere Gehirne funktionieren trotz aller Gegensätze nach dem gleichen Prinzip. Das heißt, dass wir uns zwar an den gleichen Punkten reiben – noch dazu, wo in unseren Körpern die gleichen Gene ihr Unwesen treiben – aber aufgrund der gleichartigen Funktionsweise unserer Gehirne auch alle Mittel zur Verfügung haben, um einander verstehen zu können. Und genauso, wie ich mir meine Gedanken über mich und meinen Vater gemacht habe, hat auch mein Vater darüber reflektiert. Und mittlerweile verstehen wir uns … na ich würde nicht gerade „ausgezeichnet“ sagen, aber „ganz gut“ trifft die Sache ziemlich genau.
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