Coming-out Beratung für Dopingsportler:
Alle Schwestern sind unsportlich.
Ich lasse dieses Pauschalurteil einmal so falsch, wie es ist, im Raum stehen.
Dabei würden die meisten Spitzensportler dringend unserer Unterstützung bedürfen. Sie befinden sich nämlich in einer ähnlich grotesken Position wie ein anders Liebender, der versucht, sich selbst zu definieren und einen Weg zu finden, sich in der Gesellschaft zu integrieren, ohne andauernd lügen zu müssen.
Bei uns liegt der Knackpunkt in einem differierenden Sexualverhalten. Spitzensportler hadern damit, dass sie dopen müssen, um mit der Weltspitze (die auch dopt) mithalten zu können. Welch seltsame Blüten dieses Spiel mit doppeltem Boden treibt, sieht man an der jüngsten Affäre um das deutsche Handyfonier-Radsportteam. Erst, als alles zu spät ist – Jahre nach der aktiven Zeit – rücken die ehemaligen Sportler verschämt mit der Wahrheit raus. Jahre nachdem sie sich in Lebensgefahr brachten, Jahre nachdem sie erschummelte Trophäen in die Hand nahmen und damit strahlten und Jahre nachdem sie selbst dieses Thema hätten publik machen müssen.
Sponsoren, die jetzt entrüstet aufschreien, haben damals wie auch heute massiven Erfolgsdruck auf sie ausgeübt – ihre Trainer haben sie ohne Rücksicht auf Verluste immer weiter nach vorne gepeitscht und auch sie selbst wollten und mussten immer bessere Leistungen erbringen. Kurz vor dem Anschluss an die Weltspitze hört kein Leistungssportler auf – aber genau dort würde eine Karriere ohne leistungssteigernde Zuckerl enden.
Sie sind Opfer und Täter zugleich. Und das unterscheidet sie von einem Menschen, der aufgrund seiner sexuellen Orientierung mit sich im Unreinen ist. Aber sonst ist die innere Lage durchaus vergleichbar. Man tut etwas, was – käme es ans Tageslicht – die gesellschaftliche Ächtung zur Folge hätte oder vielleicht sogar die eigene Existenz bedrohen würde.
Nun – mittlerweile ist das outing nicht mehr so problematisch wie vor einigen Jahren, aber von einer gleichwertigen Stellung in der Gesellschaft sind wir noch weit entfernt. Wir wissen also, wie es ist, wenn man etwas verbergen muss, was wir am liebsten rauslassen würden. Vielleicht sollten sich alle Dopingsportler einer Coming-out Beratung unterziehen. Ihre Probleme würden dort jedenfalls verstanden werden. Ob man ihnen damit auch helfen könnte, wage ich aber zu bezweifeln.
Denn das Dopingproblem ist weit größer, als alle Beteiligten zuzugeben wagen. Um dies zu verdeutlichen, schließe ich meinen Gedankenbogen von gebeutelten gleichgeschlechtlich Lebenden zu schuldzerfressenen leistungsgesteigerten Sportlern mit einem ebenso falschen Pauschalurteil, wie zu Beginn:
Alle Leistungssportler dopen.
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