Beziehungsschaden:
Ausbessern oder wegwerfen?
Was passiert eigentlich mit einer Beziehung, wenn sie nicht mehr funktioniert?
Ganz einfach: Man verfährt mit ihr gleich, wie mit diversem Hausmüll: Man entsorgt sie. In die Tonne und fort damit. Das hat man immer schon so gemacht. Allerdings ist mir aufgefallen, dass viele meiner Freunde und Bekannten Beziehungen wegwerfen, die zwar nicht mehr nagelneu, aber immer noch brauchbar sind. Auch mir ist das schon passiert.
Irgendwie drängt sich mir ein Vergleich mit übertragenen Kleidungsstücken auf. Da hat man eine Hose, die jahrelang verwendet schon einige Gebrauchsspuren aufweist. Kaputt ist sie nicht, aber an den Tascheneingriffen und Stulpen weist sie schon einige abgewetzte Stellen auf. Eigentlich würde sie jemand, dessen Kleiderschrank leer ist, mit Freude tragen, aber uns selbst ist sie schon zu schäbig … also werfen wir sie in den Müll.
Meine Großmutter wäre von dieser Vorgangsweise entsetzt gewesen: Die Hose darfst du nicht wegwerfen – die ist noch gut! hätte sie entrüstet gerufen. Die muss man nur etwas flicken, dann hält sie noch Jahre. Zumindest in die Altkleidersammlung hättest du sie geben können, damit jemand, der nicht so verschwenderisch wie du ist, etwas zum Anziehen hat!
Meine Oma hatte meistens recht. Sie konnte nämlich nicht nur ausgezeichnet nähen, sondern hatte es auch geschafft, eine mehr als 60 Jahre dauernde Beziehung mit meinem Großvater zu führen. Sie hat nicht bei den ersten Abnützungserscheinungen die Flinte ins Korn geschmissen, wie zum Beispiel meine Eltern das taten. Egal was es denn genau war, das die Beziehung meiner Großeltern so dauerhaft funktionieren ließ – sie hatten ihr Wissen jedenfalls nicht an ihren Sohn weitergegeben. Es erübrigt sich zu erwähnen, dass auch meine Mutter den Auflösungstendenzen in ihrer Ehe nichts Wirkungsvolles entgegenzusetzen hatte.
Andererseits verhält sich nicht jede abgenützte Beziehung wie eine alte Hose, die sich mit etwas Geschick ausbessern lässt. Wer schon einmal eine Laufmasche in einer Strumpfhose hatte, weiß, dass in diesem Fall Hopfen und Malz verloren ist. Beinkleid ist eben nicht gleich Beinkleid und auch Beziehungen können sehr unterschiedlich sein …
Wie auch immer – kommen wir zu den schwulen Beziehungskisten zurück: Neulich trennte sich einer meiner Freunde von seinem Mann. Das war auch besser so, denn in letzter Zeit hatte sich ihre gemeinsame Kommunikation auf lautstarke Auseinandersetzungen beschränkt. Nicht nur sie selbst, sondern auch der ganze Freundeskreis litt schon an beginnender Taubheit.
Nun war die Situation aber nicht so dramatisch, wie es punktuell betrachtet schien. Zwar verhielten sich die beiden wie Hund und Katz, aber dennoch verbanden sie nach wie vor viele Gemeinsamkeiten. Nur eine Beziehung konnten sie – zumindest zum aktuellen Zeitpunkt – nicht führen. Also trennten sie sich.
Mit diesem Schritt haben sie aber genau das getan, was meine Großmutter so verabscheute: Sie hatten etwas weggeworfen, was noch durchaus brauchbar gewesen war. So war einem anderen meiner Freunde, welcher sich schon jahrelang vergeblich auf Partnersuche befindet, diese Trennung vollkommen unverständlich: Mein Gott – sie haben halt ein bisschen gestritten … kommentierte er fassungslos die Geschehnisse – aber so einen tollen Mann würde ich nicht so leichtfertig hergeben!
Wie wahr: Es dauerte nur ein paar Tage, bis die Trennung teilrevidiert worden war. Die Beziehung sollte vorerst ruhen, aber die angenehmen Komponenten der zeitweiligen Zweisamkeit wurden wieder aufgenommen – und zwar mit durchschlagendem Erfolg. Meine Oma wäre über diese differenzierte Vorgangsweise entzückt gewesen. So lautete eines ihrer Lieblingssprichworte: „Für ein Glas Milch muss man nicht die ganze Kuh kaufen“. Wie wahr!
Leider kann man das Beispiel mit der leicht abgewetzten Hose nicht vollständig auf Beziehungen und deren Wiederaufbereitung übertragen. Funktioniert das Ausbessern oder Kürzen mit etwas Übung relativ gut, wenn das die bisherigen Beteiligten machen, so kann die Idee mit der Altkleidersammlung für Bedürftige nicht wirklich überzeugen. Andererseits würde die Aussicht, nach der Trennung von einem Beziehungssandler aus der Tonne gezogen und aufgebraucht zu werden, den einen oder anderen die Vorzüge seiner aktuellen Kiste erkennen lassen …
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