

Frühling wird's, endlich! Und da der Frühling ja die Zeit der – na, was sonst – Frühlingsgefühle sein soll, kam ich auf die Idee, über eine für besagte Gefühle essentielle schwullesbische Fähigkeit zu schreiben: Das Gaydar.
Eine wunderbare Worthochzeit aus „gay“ und „Radar“ beschreibt die Gabe, als Lesbe andere Lesben als solche zu erkennen, ohne diese kennen zu müssen (dasselbe gilt natürlich auch für Schwule). Heteros brauchen kein solches Radar, da neun von zehn Menschen heterosexuell sind und deswegen diese tolle Fähigkeit überflüssig wäre.
Was also macht das Gaydar aus? Es ist dieses spezielle Gefühl der plötzlichen Gewissheit, das sich nur schwer näher beschreiben lässt. Genauso schwierig ist es herauszufinden, wie das innerliche Radar funktioniert. Macht es sich allein an Äußerlichkeiten fest? Wohl kaum. Aber ganz ohne Kramen in der Klischeekiste kamen meine Freundinnen und ich nicht aus, als wir vor kurzem über dieses Thema diskutierten. Ich hatte sie um ihre Meinung gebeten, als wir uns – natürlich rein zu Forschungszwecken – in einem Lokal im Univiertel getroffen hatten.
J meinte, dass diese Fähigkeit quasi als „Veranlagung“ in jedem Schwulen und jeder Lesbe schlummere, aber auf jeden Fall trainiert werden müsse, um zufrieden stellendes Funktionieren mit hoher Treffer- und niedriger Fehlerquote zu gewährleisten.
In diesem Punkt stimme ich ihr zu, nur ist das mit dem Trainieren so eine Sache. Schließlich hat es seine Tücken, in der Straßenbahn das Mädel neben sich anzustrahlen und zu fragen: „Ich hab da so ein Gefühl … sag mal, kann es sein, dass du lesbisch bist?“ Für risikofreudige Fans des offensiven Anbaggerns zweifellos geeignet, aber ich übernehme keinerlei Haftung für eventuell kassierte blaue Augen. (Trotz allem: Erfolgserlebnisse bitte posten!)
Eine alltagstaugliche Version des Trainings musste also her.
S schlug vor, Frauen, die einer bekannt vorkamen, näher ins Auge zu fassen und zu überlegen, ob man sie nicht „irgendwo schon mal gesehen“ hatte (Insider wissen, was gemeint ist: diese praktische Phrase steht für sämtliche Szenefeste und -lokale). Das Nachfragen á la „Warst du am Freitag nicht auch im XY?“ ist so weitaus ungefährlicher. Schüchterne Zeitgenossen und Genossinnen halten die Augen beim nächsten RoSy-Fest einfach ein bisschen weiter offen.
Noch immer aber hatten wir die Frage des genauen Funktionierens noch nicht geklärt. D warf ein, dass es möglicherweise Verhaltensweisen gäbe, die Lesben bzw. Schwule an den Tag legten, teilweise ohne es zu bemerken. M's Blick hellte sich bei diesen Worten auf und sie erzählte von der Art, auf die Shane (den Fans von „The L Word“ bestens bekannt) ihr Bier trank. Diese bestimmte Coolness sei ihr schon bei mehreren lesbischen Mädels, die sie kannte, aufgefallen und somit offenbar denen vorbehalten. Die anschließende Vorführung des lesbischen Biertrinkens musste leider aufgrund unserer hysterischen Lachanfälle vorzeitig abgebrochen werden.
Stattdessen fuhren wir mit der Diskussion über Äußerlichkeiten fort. „Kann es sein, dass wir Frauen mit kurzen Haaren eher als Lesben einstufen als solche mit langen Haaren?“, fragte D in die Runde. Die Gruppe stimmte ihr zu Teil zu – bis auf M, die meinte, Lesben hätten auf eine andere Art kurze Haare als Heteras und die mit dieser Aussage zweifellos an diesem Abend den Vogel abgeschossen hatte.
Kontrovers diskutiert wurde auch, ob Lesben „männlich“ und Schwule „weiblich“ gehen (wie gesagt, wir kramten in der Klischeekiste) oder ob sich aufgrund der Klamotten Rückschlüsse auf die Orientierung ziehen lassen (es also eventuell einen gay/lesbian style innerhalb der Community gibt und Butch/Femme sich zurückmelden, frei nach „Totgeglaubte leben länger“).
Einig waren wir uns zumindest in einem Punkt: Es liegt anscheinend viel an den Blicken, die man einer anderen Frau zuwirft und an der Art, wie diese erwidert werden, unabhängig von Haar- oder Fingernagellänge. Was genau diesen Blick jetzt aber ausmacht und was der exakte Inhalt der eigenen inneren Checklist ist, konnten wir an diesem Abend nicht entschlüsseln.
Solange sich keine klugen Menschen anschicken, dem „special something“ wissenschaftlich auf die Schliche zu kommen, bleibt das Gaydar wohl ein Mysterium. Was nicht weiter schlimm ist. Manchmal ist es nicht so wichtig zu wissen, wie etwas funktioniert, solange die Gewissheit da ist, dass es funktioniert. Da verhält es sich wie mit Schichtnougat: Ich weiß auch nicht, warum es so verdammt lecker ist, aber das Glücksgefühl „danach“ steht für sämtliche tausend Kalorien …
Text:
Kommentare
15.05.2007, 12:31 - Christa
Hallo Melanie,
schön, wieder mal von dir zu hören! Die Better-than-Pilcher-Story ist ja herzallerliebst - ich freu mich für die beiden Glücklichen. :-) In diesem Sinne: Have a lovely spring time!
07.05.2007, 16:06 - melanie
hallo christa,
hätte so eine kitschige spring love story auf lager...rosamunde pilcher hätt a freud damit. 2 sehr hübsche, feminine frauen im besten alter warten unabhängig von einander auf ihre verabredung unter der weikard uhr..sie werden beide versetzt, kommen zufällig ins gespräch, beschießen, dass SIE beide frühstücken gehen (inkl. tiefem, abgründigem, unwiderstehlichem blick) und verlieben sich ineinander...das leben schreibt die schönsten und aufregendsten geschichten, man(n)(frau) muss nur den mut dazu haben sie zu leben, lg melanie...(kinokarte)
16.04.2007, 20:14 - caroline
schichtnougat??? *lol*