

Aus dem Fernseher klingen himmlische Gesänge, welche von Gehirnwäsche verkündendem, leierndem Betgesang und jubelndem Volk unterbrochen werden. Und mittendrin labert der Sexualneurotiker Nummer eins, unser lieber Papst, seltsame Heilsreden vom Blatt. Und dieses Spektakel dauert den ganzen Tag lang. Da zur Zeit kein hoher kirchlicher Feiertag ansteht, kann dies nur eines bedeuten: der Papst ist bei uns eingefallen und meine frömmelnde Mutter sitzt vor dem Fernseher und zieht sich das seltsame Spektakel live rein.
Schreck lass nach! Stammen diese bitterbösen, kirchenfeindlichen Worte denn tatsächlich aus meinem Mund? Wie kann ich es nur wagen, das Oberhaupt der ältesten europäischen Monarchie, welches gleichzeitig Heilsbringer Nummer eins für alle Christen ist, als Sexualneurotiker zu bezeichnen? Jetzt kann ich nur mehr hoffen, dass das Christentum ein Irrglaube ist, denn andernfalls wird mich der rachsüchtige christliche Gott sicherlich unbarmherzig bestrafen. Glücklicherweise habe ich einer Deportation meiner unsterblichen Seele in die Hölle bereits vorgebeugt, als ich vor mehr als 15 Jahren aus der Kirche ausgetreten bin. Aber drohende göttliche Strafe hin oder her – ich kann dieses scheinheilige Kirchenvolk einfach nicht ausstehen.
Aber nicht nur ich rede schlecht über die Kirche und deren irdische Vertreter, auch der Pontifex und seine Handlanger lassen kein gutes Haar an gleichgeschlechtlich Lebenden. Die Abneigung scheint also reziprok zu sein. Woran mag das wohl liegen? Um dieses Phänomen genauer zu untersuchen, werfen wir einmal einen Blick auf die Gemeinsamkeiten zwischen römisch-katholischer Kirche und schwuler Lebensweise:
Weder Schwule, noch kirchliche Funktionäre pflanzen sich biologisch fort. Beide Zielgruppen sind darauf angewiesen, dass der Genpool ganz stinknormaler Heterosexueller Nachwuchs für sie ausschüttet. Während aber die einen – wenigstens theoretisch – auf jegliche Art von Sex verzichten, haben dagegen die anderen ein äußerst reges Sexualleben, welches lediglich auf Grund von biologischen Gegebenheiten nicht zu Nachwuchs führt. In diesem Umstand wurzeln natürlich Spannungen: die einen blicken sexuell emanzipiert, aber verständnislos mit dem Kopf schüttelnd auf die Selbstkasteiung der anderen, welche ihrerseits – bestenfalls selbstbefriedigend auf den Polster wichsend – neidvoll die hemmungslose Fleischeslust verdammen. Und bezüglich der Fortpflanzung sieht es so aus, dass die einen zwar könnten, es sich aber verbeißen müssen und die anderen zwar wollten, aber weder von Mutter Natur, noch von staatlicher Seite Hilfe bekommen. Ergebnis: weder rechts noch links sind Kinderlein in Sicht.
Auch bezüglich der Stellung von Frauen drängen sich zwischen Kirche und Schwulenszene frappierende Ähnlichkeiten auf: da man im Kernbereich seines Wirkens sowohl hüben als drüben lieber unter sich Männern bleibt, können Frauen, so weit sie überhaupt geduldet werden, nur Randbereiche von schwulem oder kirchlichem Leben ausfüllen. Egal ob als „Schwulenmutti“ oder Mutter Theresa – viel mehr als von vorneherein frustriertes soziales Engagement gestehen beide Gruppen weiblichen Wesen nicht zu.
Auch die Kleiderordnung enthüllt erschreckende Gemeinsamkeiten: sind die Fummelchen, in denen Papst und Kardinäle auftreten, nicht absolut göttlich? Biese hier, Abnäher da - und mit glitzernden Edelsteinen wird auch nicht gespart. Seien wir einmal ehrlich: der Figur schmeicheln diese wallenden Umhänge enorm! Aber mit dieser Pracht können wir locker mithalten: fast jeder schwule Kleiderschrank enthält erlesene Designerfummel, wohlgestylte Handtaschen und adrettes Schuhwerk. Und jährlich kommt zumindest ein aufsehenerregendes Kampfoutfit für den Tuntenball dazu. Ganz zu schweigen von liturgischen Leder-, Latex- und Gummiutensilien. Vom Prunk- und Protzfaktor brauchen wir uns da nicht hinter den juwelenbesetzten Mäntelchen unseres Papstes verstecken. Zwar sind seine Klunker echt, aber unsere Talmikolliers strahlen mindestens genauso hell.
Dann fallen mir noch die Schweizer Gardisten ein: ein Haufen groß gewachsener, muskulöser Männer, welche – eingekleidet von der Renaissance-Paradetucke Michelangelo – über die Sicherheit des Heiligen Vaters wachen. Wen wundert es also, dass das tägliche Treiben im Vatikan dem geneigten Besucher wie ein immer währender Tuntenball vorkommt?
Angesichts so vieler Gemeinsamkeiten lässt sich erahnen, wie stark diese beiden Organisationsstrukturen verfeindet sein müssen. Das beiderseitige Grübeln über folgende beispielhaft aufgezählte Fragen hat über lange Zeit hinweg die Möglichkeit einer Versöhnung sowie einer friedlichen Koexistenz zerfressen:
•) Wer verkauft die Tatsache seiner Kinderlosigkeit besser und vor allem medienwirksamer?
•) Warum sind die anderen aufgrund Nachwuchsmangels noch nicht schon längst ausgestorben …
•) und erfreuen sich trotz wirren, unlogischen Gedankengutes als Basis ihrer Existenz größter Beliebtheit?
•) Wie kann man nur mit/ohne Gott ein erfülltes Leben führen?
•) Wer ist denn nun wirklich frauenfeindlicher?
•) Und schließlich die alles entscheidende Frage zum Kernpunkt unseres irdischen Seins: wer ist besser angezogen?
Das Fazit dieses Diskurses ist genauso einfach, wie widersprüchlich: die Amtskirche ist schwuler, als sie es jemals zugeben würde und die Schwulen sind päpstlicher als der Papst.
Und noch eine Gemeinsamkeit zwischen Religionen im allgemeinen und der Schwulenwelt ist mir im Anhang zu meinen Überlegungen eingefallen: genauso wie sich jede Religion als einzige wahre darzustellen versucht, leiden auch unsere Interessenvertretungen unter der Wahnidee, den Alleinvertretungsanspruch für die Gay-Community zu besitzen.
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