Damit die Einladung nicht zum Desaster wird:
Wenn Gäste kommen
Wer in der Küche einigermaßen eingearbeitet ist, sollte sein Können nicht verbergen. Dann ist es an der Zeit, ein paar Freunde einzuladen. Wenn man sich an einige Grundregeln hält, ist einen gelungener Abend garantiert.
Gäste wollen aber nicht nur bekocht, sondern vor allem unterhalten werden. Zum Begriff Unterhaltung zählt nicht nur die Konversation oder gute Tischmusik. Auch die servierten Speisen und vor allem die Art, wie sie angerichtet werden, sind ein essenzieller Bestandteil eines gelungenen und unterhaltsamen Abends. Man kann ohne weiteres den Versuch wagen, ausgetrampelte Pfade zu verlassen und etwas Neues zu wagen. Dabei sollte man aber keinesfalls den Fehler machen, Gerichte zuzubereiten, die man noch nie vorher gekocht hat. Allein nach einem Rezept kann selbst ein geübter Koch nur ungenau abschätzen, ob die Speisenfolge überhaupt zusammenpasst oder welche Beilagen das neue Gericht harmonisch ergänzen. Ganz zu schweigen von dem Supergau für jeden Gastgeber: Das stolz angekündigte Mahl misslingt und wird selbst vom verwöhnten Haustier mit Ekel verschmäht (Ist mir auch schon mal passiert). Also: Mindestens einmal probekochen.
Bei der Tischdekoration und beim Anrichten kann man schon weitaus nonchalanter vorgehen. Wenn es besonders festlich sein soll, kann man den Tisch auch ohne ein Gesteck oder ein Blumenarrangement in einer Vase atemberaubend herausputzen. So ein Unding versperrt den Tischgästen ohnehin nur die Sicht aufeinander und wird dann in einen Büßerwinkel verbannt. Das Geld kann man sich getrost sparen. Man muss nur mit offenen Augen in den Garten gehen und sich andächtig umschauen. Selbst im Winter wird sich genügend Grünzeug finden, das als „Streublumen“ am Tisch drapiert einfach entzückend aussieht. Wer keinen Garten zur Verfügung hat, kann sich seine Impressionen zur Tischdekoration bei einem Spaziergang durch die Nachbarschaft holen.
Das alte Ammenmärchen, dass Tischtücher zu einem festlichen Anlass immer weiß sein müssen, kann man getrost vergessen. Bunte Dekorstoffe - seien sie auch für Vorhänge gedacht - bringen einen frischen Touch auf den festlich gedeckten Tisch. Servietten mit eingestickten Monogrammen der Tischgäste fungieren nicht nur als unkonventionelle Platzkarten, sie sind auch ein liebes Souvenir. Tischtuch und Servietten dürfen aber nicht in Farbe und Design miteinander konkurrieren. Wenn bunte Motive das Tischtuch zieren, sollten die Servietten einfärbig und schlicht sein - und umgekehrt. Jedenfalls sollte man davon Abstand nehmen, bei einem glanzvollen Bankett Papierservietten zu verwenden. Moderne Waschmittel entfernen bei 60° auch jene Flecken, die unseren Großmüttern noch den Angstschweiß aus den Poren trieben.
Man kann auch den Versuch wagen, das Essen in unkonventionellen Gefäßen anzurichten. Besonders Vor- und Nachspeisen eignen sich dafür besonders gut. Suppe in alten Konservendosen serviert eignet sich hervorragend, um den üblichen Smalltalk zu unterbrechen. Man kann auch Orangencreme in ausgepressten Orangenhälften servieren oder die Vorspeise einfach auf hölzerne Jausenbretter knallen. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.
Wenn man sich an einen unverrückbaren Grundsatz hält, kann selbst dann nichts schief gehen, wenn man zum ersten Mal eine größere oder erlauchtere Tischgesellschaft als üblich beherbergt: Der Gastgeber ist der Herr im Haus. Wem es nicht gefällt oder nicht schmeckt, der wird das nächste Mal einfach nicht mehr eingeladen. Ich habe mich immer an diesen Grundsatz gehalten und alle sind wiedergekommen. Trotzdem sollte man darauf achten, den Gästen nicht seinen Willen aufzuzwingen. Wenn man ihnen die Schuhe von den Füßen reißt, sowie sie zur Tür hereingekommen sind, erzeugt man eine ungemütliche Atmosphäre. Ein guter Gastgeber wirft sich selbst in Abendgarderobe und Straßenschuhe. Sollte der Abend so gut und gemütlich verlaufen wie geplant, so ist ein anschließendes Gastspiel der Putzfrau ohnehin unumgänglich.
Das Wichtigste bei der Bewirtung von Gästen ist, sich so wie immer zu verhalten. Man sollte nie versuchen, über sich selbst hinauszuwachsen. Das führt zu Verkrampfungen und peinlichen Situationen. Viel wichtiger ist, sich dezent am Tischgespräch zu beteiligen und die Gläser im Auge zu behalten. Ein Gast, der immer nachgeschenkt bekommt, wird sich nie schlecht bewirtet fühlen.
Die Gänge dürfen nicht zu kurz aufeinander serviert werden. Das erzeugt unnötigen Stress und raubt den Kontakt zu den Gästen. Ein Gastgeber, der sich nur in der Küche aufhält, vernachlässigt seine gesellschaftlichen Pflichten. Eine Pause von etwa einer halben Stunde zwischen den Gängen ist durchaus angemessen. Dieser Zeitraum ermöglicht es den Beilagen zu garen, während sich die Tischgesellschaft in Anwesenheit des Gastgebers angeregt unterhält. Die rauchenden Gäste freuen sich besonders über eine kleine Pause, die Zeit für ein Zigarettchen bietet. Darüber hinaus werden die Gäste nie den Eindruck gewinnen, gemästet zu werden, auch wenn das Essen drei Stunden dauert und aus fünf oder mehr Gängen besteht. Ganz wichtig: Vor dem nächsten Gang unbedingt die Aschenbecher ausleeren oder außer Riechweite wegstellen! Kippenmief bei Essen ist eklig.
Besondere Aufmerksamkeit erfordert die Auswahl der Speisenfolge. Wenn ausgefallene Gerichte kredenzt werden, sollte man sich vorher nach dem Geschmack seiner Gäste erkundigen. Muscheln zum Beispiel sind köstlich, aber nicht jedermanns Sache. Wenn man die Essgewohnheiten seiner Gäste nicht sehr gut kennt, sollten Gerichte und Beilagen vorsichtshalber immer so kombiniert sein, dass auch Vegetarier nicht vor leeren Tellern sitzen müssen.
Man sollte niemals zwei Gänge wählen, die bei der Zubereitung oder unmittelbar vor dem Servieren großen Arbeitsaufwand erfordern! Das erzeugt vermeidbaren Stress und lange Aufenthaltszeiten in der Küche. Vor- und Nachspeisen sollten in einer halben Stunde zubereitet werden können – noch besser ist es, wenn man sie vorbereiten kann und dann nur noch auftragen muss. Nach dem Abservieren stellt man den nächsten Gang zu und widmet sich während der Garzeit seinen Gästen. Bei der Planung der Speisenfolge sollte auch ein Zeitplan erstellt werden, wann Gerichte, die eine längere Garzeit benötigen, zugestellt werden müssen, um zeitgerecht fertig zu sein. Genau überlegen, wann welche Küchengeräte benötigt werden. Als ich einmal zum Truthahnschmaus geladen hatte, erkannte ich erst kurz vor dem Eintreffen meiner Gäste, dass der Vogel das Backrohr belegte, in welchem ich die Vorspeise überbacken wollte. Der Gang zu meiner Nachbarin war die letzte Rettung. Solche Pannen sind durch vorherige Planung leicht vermeidbar.
Der Geschirrspüler sollte zu Beginn des Essens leer sein. Dann verursachen die abservierten Teller keinen Stau in der Abwasch. Einfach sofort in den Spüler geben. Wenn das Essen mehrgängig ist, hat man auch die Möglichkeit, das Geschirr im Kurzprogramm zu spülen, wenn man es zu einem späteren Zeitpunkt nochmals benötigt.
Der Tisch sollte frühzeitig gedeckt werden. Mir gelang es bis dato nicht, jemals einen Zeitplan einzuhalten. Das ist nicht weiter schlimm, denn auf das Essen wartet man gerne, auch wenn aus einem Aperitif einmal zwei werden. Wenn die Gäste allerdings beim Tischdecken helfen müssen, wird es kritisch.
Die oberste Regel lautet allerdings: Nie die Ruhe oder den Humor verlieren! Dann kann nicht mehr viel schief gehen. Und wenn doch, dann ist es halb so wild.
Ach und übrigens: Wer nicht auf das Tischtuch patzt, dem hat es nicht geschmeckt!
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