Siamesen und mehr:
Die orientalische Katze
Wie der geneigte Leser meiner Kolumne weiß, ist meine geliebte Gaubo kurz vor ihrem 19. Geburtstag verstorben. Da sie an Altersschwäche starb, hat sich das Unausweichliche schon einige Zeit vor ihrem Tod angekündigt. Es hat in der Familie natürlich Diskussionen gegeben, ob nun ein neuer schnurrender Hausgenosse zu uns ziehen soll oder nicht. Was soll ich sagen … wie es der Zufall wollte, hatte einer meiner Freunde gerade einen Wurf Siamkätzchen, die sich genau im richtigen Alter befanden. Als wir bei ihm vorbeischauten, um die kleinen Racker einmal anzuschauen, war innerhalb von Sekunden die Entscheidung gefallen. Gesehen, gestreichelt und schon eingepackt. Und seither schläft ein beinahe immer schnurrendes, blauäugiges, seidenweiches Fellbündel mit dem Namen Karolinchen in meinem Bett. Und mein Horizont über Katzen und deren Verhaltensweisen ist um viele Erfahrungen reicher geworden.
Als ich zum ersten Mal ein Buch über das Verhalten von Katzen las – das war in Gaubos Jugend – erfuhr ich erstmals über das ganz spezielle – eher hundeartige – Wesen der Siamkatzen. Schon damals fasste ich den Entschluss, eines Tages ein Kätzchen zu besitzen, welches nicht nur antwortet, wenn man es ruft, sondern auch kommt. Und nun weiß ich, dass das auch wirklich funktioniert!
Orientalische Katzen wie Siamesen, Orientalisch Kurzhaar, Balinesen oder Javanesen (Mandarin) sind ganz anders als die bei uns heimischen Hauskatzen. Nicht nur der Körperbau ist schlanker und zierlicher, auch ihr Wesen ist vollkommen anders. Sie benötigen viel mehr Zuwendung und fast pausenlosen Körperkontakt. Dafür schließen sie sich ihrem Herrn an wie ein Hund. Wenn sie sich in ungewohnter Umgebung unwohl fühlen, verstecken sie sich zum Beispiel nicht in einem geschützten Unterschlupf, sondern flüchten sich auf den Schoß oder auf die Schulter des Herrls. Von dort aus begegnen sie ungewohnten Umwelteinflüssen mit stoischer Gelassenheit. Vor allem Siamesen sind unglaublich leinenführig. Sie gehen bei Fuß und lieben einen Spaziergang an der Leine wie Nachbars Bello. Und mein Karolinchen ist da zum Glück keine Ausnahme. Wenn sie beginnt, in der Wohnung übermütig herumzurennen, ist es Zeit für einen kleinen Spaziergang. Brustgeschirr anlegen, anleinen und los geht’s. Im Unterschied zu Hunden hat es nicht einmal drei Tage gebraucht, bis sie brav bei Fuß ging. Das soll ihr mal ein Wauwau nachmachen. Sogar die Konfrontation mit Hunden, welche anderen Katzen höchst unangenehm ist, macht ihr keine Schwierigkeiten. Sie weicht keinen Millimeter, sondern springt einer gar zu neugierigen Schnauze noch einen Satz entgegen und verteilt unter heftigem Fauchen Prankenhiebe, falls das Gegenüber nicht lieb zu ihr ist. Auch ein Missverhältnis im Kampfgewicht von 1 zu 100 stört sie nicht (das war in ihrer frühen Kindheit – 650 Gramm gegen 65 Kilo). Die Hunde akzeptieren das und passen ihr Verhalten an. Die nächste Annäherung erfolgt dann schon zurückhaltender und so steht einer freundschaftlichen, aber respektvollen Beziehung nichts mehr im Wege. Allzu plumpe Vertraulichkeiten sind von Seiten der Hunde aber trotzdem zu unterlassen.
Bei der Haltung orientalischer Katzen ist einiges zu beachten: Weil sie sehr personenbezogen sind, sollten sie nicht über einen längeren Zeitraum alleingelassen werden. Ist nicht immer jemand zu Hause, sollten sie zu zweit gehalten werden, damit sie sich beschäftigen können. Aber Vorsicht: Nicht jede Katze erträgt die ständig Körperkontakt suchende orientalische Katze. Wenn also, dann gleich zwei Orientalen.
Dafür reisen Siam und Co gern. Karolinchen zum Beispiel fährt leidenschaftlich gern Auto. Wenn man seinen Urlaub vorausschauend plant, kann die Mieze ohne weiteres mitkommen. Wenn man sich sonst mit ihr ausgiebig beschäftigt und auch Gassi geht, bleibt sie für ein paar Stunden gern im Hotelzimmer und macht ein Nickerchen, während man im Restaurant sitzt. Ganz gemütliche Exemplare nehmen auch gern an einer auswärtigen Tischrunde teil und machen ein Nickerchen, solange sich die Familie bei Tisch vergnügt. Die Katze sollte aber von einem Ausflug müde sein und Futter sowie Wasser sollte auch bereitstehen. Manche Orientalen lassen sich auch ohne Probleme im Einkaufskörbchen – aus Sicherheitsgründen natürlich angeleint - transportieren, so dass auch Stadtbummel oder Museumsbesuche kein Problem darstellen. Aber Vorsicht: Wie für alle Katzen sollte der Geräuschpegel erträglich gehalten werden. Und vor Reisen ins Ausland ist auf speziellen Impfschutz zu achten.
Eine andere Eigenheit macht Siam und Co besonders liebenswert: Sie sind unglaublich kommunikativ. Sie setzen gerne ihre raue Stimme ein und entwickeln einen beachtlichen Wortschatz. Weil sie mit ihrer Körpersprache unmissverständlich ihre Bedürfnisse mitteilen, lernt der Katzenhalter schnell die Bedeutung ihrer Laute. Dabei sind sie überhaupt nicht penetrant, sondern plaudern meist nur, wenn sie ihrem Partner gegenüber sitzen. Die Horrorvorstellung von einer ständig jaulenden und kreischenden Kratzbürste ist schlichtweg ein Märchen.
Allerdings braucht die orientalische Katze viel Zuwendung. Hat sie keinen Katzenpartner, mit dem sie sich am Abend zusammenkuscheln kann, will sie im Bett schlafen. Wem das zu viel ist, der sollte ein weniger personenbezogenes Tier halten. Die Katze im Bett hat aber einen sehr positiven Effekt: Die schnurrende Wärmeflasche wirkt unglaublich beruhigend. Seit Karolinchen sich beim Einschlafen an mich kuschelt, schlafe ich innerhalb weniger Minuten ein – vorher dauerte das erheblich länger.
Wie jede andere Katze auch ist die orientalische „Schlankformkatze“ ein ausgezeichneter Jäger und Kletterkünstler. Vor allem die feingliedrige aber muskulöse Statur macht sie zu einem geschmeidigen und sprunggewaltigen Akrobaten. Ihr Lebensraum sollte daher zumindest einen üppigen – am besten zimmerhohen – Kratzbaum beinhalten. Auch Auslauf nimmt sie gerne an. Ich persönlich bevorzuge die Wohnungshaltung und den beaufsichtigten Freilauf an der Leine. Nur zu schnell gerät eine Mieze unter ein Auto oder wird, wenn es sich um eine spektakulär aussehende Rassekatze handelt, einfach von Fremden mitgenommen. Vor allem die unglaublich zutrauliche Art von orientalischen Katzen verleitet dazu.
Siamesen gehören übrigens zu den ältesten dokumentierten Katzenrassen. Schon im 14. Jahrhundert wurden sie im heutigen Thailand – damals Siam genannt – gezielt gezüchtet und galten als heilige Wächter der Tempel sowie als Statussymbol der Oberschicht. Was den Göttern recht ist, kann dem Menschen wohl nur billig sein... Ihre Fellfärbung verdanken sie mehreren albinogenen Veränderungen im Erbgut. Auch ihre wunderschöne blaue Augenfarbe ist auf Pigmentmangel in der Iris zurückzuführen. Die Jungen werden weiß geboren und verändern dann ihr Erscheinungsbild. Der schwarze Farbstoff – das Melanin – wird in der Farbschattierung Sepiabraun in den kühleren Körperregionen abgelagert. Der Bereich um das kalte Schnäuzchen weist die dunkelste Färbung auf, dann kommen die Außenseiten der Ohren, das Schwänzchen und die Pfoten, die an den Zehen dunkel sind und verlaufend zum Torso immer heller werden. Die Temperaturabhängigkeit der Fellzeichnung bedingt auch, dass freilaufende Exemplare eine dunklere Zeichnung aufweisen als Wohnungskatzen. Man sollte aber bedenken, dass alle Orientalen aus einem subtropischen Klima stammen und von der Natur aus darauf ausgelegt sind, überflüssige Wärme abzuführen. In kalten Nächten strahlen sie aufgrund ihres schlanken Körperbaus sehr viel Energie ab. Auch das Fell ist extrem kurz und verfügt nicht über ein Unterfell. Das bedeutet einen zusätzlichen Wärmeverlust. Da ist die warme Stube im Winter also eindeutig der bessere Platz.
Die kurzen Haare haben aber für Allergiker einen positiven Nebeneffekt: Sie fallen zu Boden und wirbeln nicht bei der leisesten Luftströmung im Raum umher. Deswegen atmet man sie nicht ein und bleibt von anschwellenden Schleimhäuten weitgehend verschont. Auch auf den zweimal jährlich anstehenden Fellwechsel verzichtet die Orientalin, da ihr Heimatklima keinen Winter kennt.
Orientalische Katzen gibt es übrigens in allen nur erdenklichen Fellzeichnungen. Der klassischen „Siam Seal Point“, wie Karolinchen eine ist, steht seit etlichen Jahrzehnten auch die sogenannte „Siam Tabby Point“ mit getigerter Maske zur Seite. Die sogenannten Balinesen sind langhaarig – aber trotzdem selbstreinigend (was man von einer Perserkatze nun wirklich nicht behaupten kann). Die orientalischen Katzen mit kurzem Fell, aber anderen Zeichnungen und grünen Augen nennt man „Orientalisch Kurzhaar“. Die gibt es in Agoutifärbung (Tigermuster in verschiedenen Ausprägungen) oder einfärbig von reinweiß (foreign white) über blau bis „Cinnamon“ (zimtfärbig), „Havanna“ (zigarrenbraun) oder schwarz („Ebony“ - die sehen wie kleine PantherInnen aus). Die jüngste orientalische Züchtung ist die Javakatze – auch Mandarin genannt. Sie entstand durch zielgerichtete Zucht, um die langhaarige, aber „seal point“ gezeichnete Balinesenkatze auch in einfärbiger Ausführung zu erhalten. Javanesen gibt es wie die orientalisch Kurzhaar in sämtlichen Fellfarben- und Zeichnungen wie oben beschrieben.
In ihrer Wesensart ähneln sich alle Orientalen, wobei die klassische Siam Seal Point als kantigster Charakter bezeichnet werden kann. Als Urform zeigt sie die das orientalische Naturell am deutlichsten. Wer eine prägnante Stimme und einen starken Willen schätzt, ist mit ihr bestens bedient. Wer es lieber gemäßigt liebt, sollte sich eher eine Balinesin zulegen.
Was orientalische Katzen betrifft, bin ich zwar noch ein ziemlicher Anfänger – aber ich lerne schnell. Einer Tatsache bin ich mir aber sicher: Wer einmal eine orientalische Katze kennen und schätzen gelernt hat, wird niemals mehr von dieser Rassengattung lassen!
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Kommentare
11.03.2009, 23:44 - Walter
Ja - mich hat es wirklich erwischt! Seit ich diesen Atikel verfasst habe, sind so gut 4 Jährchen vergangen. Mein Karolinchen hat seither schon viel erlebt. Zum Beispiel war sie bei einem Urlaub zwei Wochen lang Freigängerin. Vom ersten Tag an war sie im ihr bislang unbekannten Garten und hat dort den Tag verbracht, als ob er ihr immer schon gehört hätte. Auch im Winterurlaub hat sie schon zwei Mal mit uns das Appartment geteilt. Und beim Spaziergang in der warmen Jahreszeit sind wir schon ein im ganzen Bezirk bekanntes Paar...
11.03.2009, 03:49 - Megg
Oha - da hat es aber jemanden erwischt! Kann ich gut verstehen, geht mir auch so. Manchmal bin drauf und dran den Tag zu verfluchen, als ich unsere dann so sehr geliebte Lizzy traf - eine Siam-Thai-Sealpoint-Katze, die acht Jahre lang bei uns blieb. Seitdem geht es nämlich nicht mehr ohne - ein Dasein ohne Siam-Katze ist nicht mehr vorstellbar. Vor Lizzy behauptete ich voller Überzeugung, ich wolle niemals eine Rassekatze haben - die kann man ja nicht rauslassen. Dann traf ich sie - in Autobahnnähe ausgesetzt, von einem großen schwarzen Hund einen Baum hinaufgejagt. Niemand vermisste sie. Sie litt unter schwersten psychischen Störungen, es gab wohl kaum eine Macke, die sie nicht hatte und es brauchte viel Zeit, Zuwendung und Verständnis, bis sie Vertrauen fasste und die seltsamste, selbstbewussteste und stolzeste Katze wurde, die ich je gekannt habe. Und sie hatte eine grossartige Stimme, mit der sie in tausend Tonarten sich ständig äusserte.
Dann starb sie leider und es war so still hier.
Heute haben wir drei Siam-Katzen - eine Orientalisch Kurzhaar in schwarz, eine Balinesin und einen Siam-Thai-Kater. Anders geht das nicht mehr.
Ganz liebe Grüße aus Lübeck
Megg